Auf Bestehendes zurückgreifen

Seit der Abstimmung über das revidierte Raumplanungsgesetz ist verdichtetes Bauen ein grosses Thema. Der Städtebau sieht sich mit neuen Herausforderungen konfrontiert, die im Grunde genommen gar nicht so neu sind. Ein Gespräch mit dem Architekten Georg Precht.

Was bedeutet Verdichtung für die Schweiz?

Die Skepsis, die die Bevölkerung diesem Begriff entgegenbringt, liegt in der irrigen Vorstellung, dass damit automatisch Hochhäuser gemeint sind. Falsch ist, dass Hochhausquartiere eine höhere Dichte aufweisen. Die dichtesten Strukturen finden wir vielmehr in den klassischen Blockrandbebauungen. Und diese Strukturen erleben wir oft in den Städten, die wir, ohne zu zögern, als unsere Lieblingsstädte bezeichnen, so etwa in Barcelona oder Paris. Für die Schweiz bedeutet Verdichtung zunächst einmal, dass man vorhandene Strukturen weiter ausbauen wird, indem man etwa bestehende Wohnhäuser durch Ersatzbauten mit einer höheren Ausnutzung, also mit mehr Wohnfläche, ersetzt.

Warum braucht es eigentlich Verdichtung?

In Anbetracht der stetig wachsenden Einwohnerzahl und des Bedürfnisses nach mehr Wohnraum pro Kopf sowie unter Berücksichtigung der vorhandenen Landressourcen der Schweiz ist es schlichtweg unumgänglich zu verdichten. Schliesslich sollte es zu allen Zeiten der Anspruch sein, die Lebenswelt auf die Bedürfnisse aller Lebewesen auf diesem Planeten abzustimmen. Dafür müssen beide Qualitäten gesichert und gestärkt werden: die Qualität unseres Naturraumes und die Qualität unserer Dörfer und Städte.

Ihre Zunft steht also vor einigen Herausforderungen?

Ja, und das nicht nur in baulicher Hinsicht. Das grosse Problem ist, dass die Menschen im 20. Jahrhundert den Glauben an uns Architekten und Städteplaner verloren haben. Das Ansehen unseres Berufes ist nachhaltig geschädigt – und das aus sehr nachvollziehbaren Gründen.

«Städtebauliche Architektur hat sehr viel mit Ordnung, mit Struktur zu tun.»

Georg Precht

Wieso denn?

Die Moderne hat zum ersten Mal in der Geschichte des Städtebaus die bestehenden Regeln, wie Städte gebaut und geplant werden, komplett umgekrempelt. Städtebau war über zwei Jahrtausende hinweg eine sehr erfolgreiche Disziplin. Städte wurden nach klar vorgegebenen Regeln geplant und gebaut.

Was waren das denn für Regeln?

Städte wurden beinahe immer nach einem strengen Muster geplant und gebaut. Die Mitte bildete ein Platz, zumeist begrenzt von öffentlichen Einrichtungen. Von diesem Zentrum ausgehend wurden Gebäude für die Infrastruktur angeordnet. Zum Stadtrand hin nahm die Wohnnutzung zu. Dies gilt übrigens auch für die mittelalterlichen Städte, denen man immer ein unstrukturiertes Wachstum nachsagt. Mit der Industrialisierung kam es zu grossen Veränderungen. Die Städte wurden gleichsam einem Stresstest unterzogen, den sie nicht bewältigen konnten. An den Stadträndern boomte die Industrie, Menschen strömten vom Land in die Städte, die förmlich aus allen Nähten platzten. Zudem zeichnete sich etwa mit der Erfindung des Automobils die Vision vom motorisierten Individualverkehr ab. Und so geschah etwas Fatales: Die Stadtplanung der Zukunft wurde nicht mehr von der alten Disziplin der Stadtplaner gedacht, sondern von forschen und charismatischen Architekten. Diese Verschiebung unseres Berufes halte ich für eine der tragischsten Fehlentwicklungen. Nun wurde die Stadt in architektonischen Kriterien gedacht und dem unstillbaren Hunger der immerkreativen Architekten ausgesetzt. Man erfand, beseelt von den unendlichen Möglichkeiten, die die Technisierung für die Welt versprach, alles neu und zerstörte damit auf fahrlässige Art und Weise Altbewährtes.

Zur Person

Georg Precht ist Mitarbeiter des ETH Wohnforums – ETH CASE, eines interdisziplinären Forschungszentrums für sozial- und kulturwissenschaftliche Analysen im Bereich Wohnen, Architektur, Raum- und Stadtentwicklung am Departement Architektur der ETH Zürich. 1969 in Solingen geboren, studierte Precht in Berlin und Aachen Architektur. Zwischen 2000 und 2010 war er als Mitarbeiter, später als Partner für das Berner Architekturbüro Atelier 5 tätig. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten gehören unter anderem Stadt- und Wohnungsbau. Precht wohnt in Bern.

Was hat sich in den letzten 100 Jahren architektonisch verändert?

Um der damals hohen Dichte entgegenzuwirken und um den Menschen, wie man meinte, mehr Lebensqualität zu schenken, fing man an, die Architektur nicht mehr sozial, sondern nach der Himmelsrichtung zu organisieren. Licht, Luft und Sonne für alle. Diese Art zu bauen brauchte mehr Siedlungsraum, war wenig funktional und nicht mehr sozial organisiert. Die Gebäude kommunizierten nicht mehr miteinander, das eine schaute auf den Hinterkopf des anderen. Die zuvor klar definierten öffentlichen Räume fransten aus. Die Abwendung von der Blockrandstruktur hat ungeheure Probleme generiert.

«Es hat sich herausgestellt, dass Städte mit einer restriktiven Planung die schönsten Städte sind.»

Georg Precht

Welche Lösungen gibt es heute für diese Entwicklung?

Städtebauliche Architektur hat sehr viel mit Ordnung, mit Struktur zu tun. Wir müssen also unsere Städte wieder kompakter organisieren – und zwar im Bewusstsein, wie Städte die letzten 2000 Jahre gebaut wurden. Dabei ist es gerade in einem kleinen Land wie der Schweiz sehr wichtig, die Übergänge in den Naturraum möglichst scharf zu artikulieren und nicht durch wahlloses Aufstellen von Wohnblocks und endlose Einfamilienhaus-Besiedelung die Spannung, das reizvolle Wechselspiel also zwischen Kulturraum und Landschaftsraum, zu nehmen. Wer viele Menschen um sich haben, wer Kultureinrichtungen und vieles mehr aufsuchen möchte, der geht in die Stadt. Wer sich nach Ruhe und Erholung sehnt, geht aufs Land. Die Ausdehnung der Agglomeration kann dabei nicht die Lösung sein.

Mit anderen Worten: Soll die Zersiedelung gestoppt und die Verdichtung gefördert werden?

Ja, und zwar in der ihr angelegten strukturellen Logik.

Wir müssen also auf 2000 Jahre alte Regeln zurückgreifen?

Es hat sich herausgestellt, dass Städte mit einer restriktiven Planung die schönsten Städte sind. Eine Erkenntnis, die zu einer liberalen und demokratischen Gesellschaftsauffassung im Widerspruch steht. Zweifellos ein Dilemma. Zu viel Baufreiheit aber erzeugt keine schönen Stadträume und führt letztlich zu einer Überreizung, die wir als unangenehm empfinden. Dahingegen erleben wir zum Beispiel die identitätsstiftende Gleichmässigkeit des grünen Sandsteins und die klaren Strassenräume in der Berner Innenstadt auch heute noch als sehr wohltuend. Darüber muss man sich klar werden und die entsprechenden Konsequenzen auch ziehen. Ein Unterfangen, das nur gelingen kann, wenn die Menschen das Vertrauen in die Stadtplanung zurückgewinnen. Ein langer Weg steht uns bevor. Doch es wird so kommen, nach und nach.

Agenda

BEKB -Veranstaltungen

Aktueller Überblick und Anmeldung: bekb.ch/veranstaltungen

Konzerte des Jugendblasorchesters VBJ

3. November 2019, 10.15 Uhr, Congress Centre Kursaal, Interlaken
3. November 2019, 16.00 Uhr, KKThun, Thun
9. November 2019, Kongresshaus, Biel

BEKB-Pensionsplanungsanlässe

29. Oktober 2019, Bildungszentrum der BEKB, Liebefeld-Bern
5. November 2019, Saalbau, Kirchberg
13. November 2019, Hotel Interlaken, Interlaken Ost

BEKB-Immobilientage

31. Oktober bis 2. November 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz

St. Nicolas de la BCBE à Tramelan

4. Dezember 2019, BCBE Tramelan

Santarun Bern

29. November 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz