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Wissen schlägt Vorurteil

Träge Jugend, politikmüde Twenty-Somethings und altmodische Senioren: Manche Meinung über die Generationen hält sich hartnäckig. Zu Recht? Generationenforscher François Höpflinger blickt hinter die Vorurteile.

  • Senioren verschliessen sich dem technischen Fortschritt


François Höpflinger: Studien zeigen das Gegenteil. Eine Befragung von 2015 zeigt, dass sich heute rund 80 Prozent der bis zu 70-Jährigen online bewegen. Manche technischen Neuerungen nehmen Senioren gar besonders rasch auf. Das zeigt sich etwa beim Boom der E-Bikes. Viele Senioren haben realisiert, dass sie sich sozial isolieren, wenn sie sich dem Fortschritt nicht stellen. Probleme haben wir zum Teil bei den über 80-Jährigen und den Betagten. Gesundheitliche Probleme können die Teilhabe am modernen Leben stark einschränken. Falsch ist auch die Meinung, im Alter könne man nicht mehr Neues lernen, etwa den Umgang mit der Technik. Neue Studien weisen gar darauf hin, dass selbst 70-Jährige neue Hirnzellen bilden können. Eingeschränkt sind allerdings die Lerngeschwindigkeit und manchmal die Motivation.

  • Alte sind vor allem ein Kostenfaktor


François Höpflinger: Das ist wie bei vielem eine Frage der Perspektive. Sozialpolitisch gesehen verursachen ältere Menschen tatsächlich hohe Kosten, etwa wenn wir die Ausgaben für Renten und Gesundheit betrachten. Ausgaben stehen aber immer auch Einnahmen gegenüber, denn Senioren sind zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Versicherer, Pharmaindustrie und der Tourismus profitieren von der demografischen Alterung. Auf der persönlichen Ebene entstehen oft keine Kosten. Anders als früher müssen etwa Kinder ihre Eltern im Alter nicht mehr finanziell unterstützen. Zudem profitiert die Gesellschaft von den Alten in einer Weise, die oft vergessen geht: bei der Freiwilligenarbeit. Berechnungen zeigen, dass der jährliche Wert unbezahlter Seniorenarbeit bei bis zu zwölf Milliarden Franken liegt.

  • Junge interessieren sich nicht für Politik


François Höpflinger: Richtig ist, dass Menschen im fortgeschrittenen Erwachsenenalter häufiger an der Urne abstimmen und wählen. Diese Entwicklung verstärkt sich zudem in der folgenden Tendenz: Bei Älteren ist die Stimmbeteiligung steigend, bei den Jüngeren leicht sinkend. Klar ist, dass bei den Jungen ein grösseres Desinteresse da ist, wenn es um eine Parteienmitgliedschaft geht. Diese Punkte sind aber nur die eine Seite der Medaille. Betrachten wir neben der Politik im engeren Sinn das zivilgesellschaftliche Engagement, sind die Jungen auf dem Vormarsch. Onlineinitiativen, lokale Bürgerprojekte oder Umweltanliegen – hier sind Junge stärker engagiert als noch vor 20 Jahren. Das Interesse für gesellschaftsrelevante Themen zeigt sich bei der jüngeren Generation vor allem punktuell. Manche Themen reizen sehr stark zu einer Auseinandersetzung, andere dagegen kaum.

  • Junge denken heute vermehrt traditionell und konservativ


François Höpflinger: Die Grenzen zwischen modern und konservativ scheinen sich heute zum Teil zu vermischen. Es gibt eine Angleichung der Altersgruppen: Junge sind etwas traditioneller eingestellt als auch schon, Ältere dafür progressiver. Gerade im jungen städtischen Milieu gelten modern und konservativ nicht mehr als Gegensätze, sondern als Kombinationsmöglichkeit. Aktuelle Trends in Mode und Musik gehen problemlos einher mit einem Interesse für Schwingfeste oder Mittelaltermärkte. Sicher nicht haltbar ist die These, Junge seien zu sehr auf sich bezogen. Das Gemeinschaftliche, das Vernetzen und der Austausch, all das ist heute gefragter denn je.

  • Die Solidarität zwischen den Generationen schwindet


François Höpflinger: Diese These ist nicht haltbar. Innerhalb der Familie ist die Solidarität zwischen den Generationen grösser denn je. Befragungen zeigen, dass Teenager die Beziehung zu ihren Eltern als sehr gut erleben, auch die Beziehungen zwischen Grosseltern und Enkeln sind intensiver geworden. So zeigt eine Umfrage von 2013, dass 60 Prozent der Grosseltern mindestens einmal pro Woche persönlichen Kontakt zu einem oder mehreren Enkeln haben. Zwar liegen keine genauen Vergleichsdaten vor, doch legen Hinweise aus einer Studie nahe, dass Eltern-Kind-Beziehungen vor 30 Jahren oft schwieriger waren.
 Ausserhalb der eigenen Familie sind Solidarität und Unterstützung tatsächlich weniger gross. In der Nachbarschaft pflegt man oft eher ein Nebeneinander als ein Miteinander. Zudem sind etwa Freundschaften über mehrere Generationen relativ selten.

Zur Person

François Höpflinger, geb. 1948, hatte bis 2013 eine Titularprofessur für Soziologie an der Universität Zürich inne. Als thematische Schwerpunkte forschte er während der universitären Karriere zu Fragen der Demografie, Alterung und der Generationenbeziehungen. Auch heute widmet sich der emeritierte Professor selbstständigen Forschungs- und Beratungstätigkeiten in ebendiesem Feld. François Höpflinger ist verheiratet, hat zwei Kinder und vier Enkelkinder.

Agenda

BEKB-Pensionsplanungsanlässe

18. September 2018, Biel (Französisch)
9. Oktober 2018, Biel
15. Oktober 2018, Lyss
25. Oktober 2018, Oberbuchsiten
29. Oktober 2018, Solothurn
13. November 2018, Interlaken

Konzerte des Jugendblasorchesters VBJ

11. November 2018, Kongresshaus, Biel
11. November 2018, Salle des Fêtes, Reconvilier