Die Gästeflüsterin

Sie behält die Balance, auch wenn um sie herum der Trubel losbricht: Servicetalent Angela Selzer. Über eine junge Bernerin, die umso mehr aufblüht, je kräftiger es im Gastraum klirrt und klappert.

Was ist schon ein Schlaflied mit Triangel, Glocken und Rassel – wenn es auch mit Edelstahl, Keramik und Glas geht. Das Ohr dicht am Holzboden, lauschte sie den Klängen im unteren Stock. Wie Gläser klirrten, Löffel in die Suppenteller fielen, Menschen gedämpft plauderten. «Es hatte etwas ganz Beruhigendes für mich», erinnert sich Angela Selzer an die Szene aus Kindertagen. «Wenn ich zuhören konnte, wie das Restaurant lebte und klang, dann war es mir ganz wohl.»

Rund 20 Jahre sind die gastronomischen Konzertabende nun her – im Gasthof ihrer Eltern, dem «Hirschen» in Frienisberg. Auch heute, viele Erfahrungen später, ist das Gefühl noch wie damals. Angela Selzer blüht auf, wenn Gäste da sind, denen sie ein paar schöne Stunden bescheren kann. «Der Service ist für mich der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann.» Obwohl der Stress mit hereintritt, wenn viele Gäste gleichzeitig in der Tür stehen, wenn die Küche ein falsches Gericht ausliefert, der Herr am Fenstertisch mäkelt, weil er seit drei Minuten auf sein Bier wartet. Die junge Bernerin hat gelernt, mit allen möglichen Situationen umzugehen. «Meine Erfahrung hält mich in solchen Momenten in einer guten Balance.» Ruhig bleiben, eines nach dem anderen angehen, eigene Befindlichkeiten wegstecken – nur so lässt es sich in ihrem Beruf erfolgreich sein.


Unterwegs zum grossen Ziel

Erfahrung hat der Serviceprofi tatsächlich nicht zu knapp gesammelt. Mit 24 Jahren liegen zwei Ausbildungen hinter ihr, die Lehre zur Hotelfachfrau und jene zur Restaurationsfachfrau – und die Hälfte eines noch grösseren Vorhabens: Angela Selzer studiert aktuell an der Hotelfachschule Thun, diplomierte Hôtelière-Restauratrice HF kann sie sich nach dem Abschluss nennen.

Das Studium bereitet auf die Gastgeberrolle in der Managementstufe vor. Genau darauf, was der Gastrokennerin vorschwebt: «Mein Traum ist es, ein eigenes Restaurant zu führen.» Am liebsten zusammen mit ihrem Freund. Er ist Koch im Landgasthof Hirsernbad in Ursenbach – im selben Betrieb, in dem Angela Selzer neben dem Studium als Chef de Service arbeitet. Auch wenn ihr Wunsch dereinst in Erfüllung geht, raus aus der Gaststube, nur noch Zahlen schieben im Büro, so soll es sicher nicht kommen. «Dafür liebe ich den Service viel zu sehr.»
 


Bestes Talent

Ihre Stärke, das Bewirten der Gäste, haben mittlerweile auch andere erkannt. Marmite, die älteste Schweizer Gourmetzeitschrift, hat Angela Selzer mit dem Youngster-Preis 2019 in der Kategorie Service ausgezeichnet. Am Finaltag des Wettbewerbes hat das Nachwuchstalent alles gegeben. Ihre Gäste in einer roten Samtrobe bedient, das Ambiente angelehnt an ein altes Schloss, die Zeit zwischen den Gängen hat sie mit mittelalterlichen Rätselspielen versüsst.

Auch in früheren Jahren hat sie sich dem Wettkampf noch so gerne gestellt – bei den Swiss Skills etwa oder den Schweizer Servicemeisterschaften. «Ich wollte so lange an Wettbewerben mitmachen, bis ich einmal gewinne», sagt die 24-Jährige und lacht. Beim Marmite Youngster hat es jetzt geklappt. Die Jury war so beeindruckt, dass Angela Selzer bei der nächsten Ausgabe sogar selbst mitjurieren darf. Es ist der jüngste Erfolg in einer noch jungen Karriere. «Ich frage mich manchmal selbst, wie das alles so schnell passieren konnte.»

Keine Erklärung für ihre allseits geschätzte Leistung also? Wer Angela Selzer zuhört, erkennt sehr wohl ein Muster in ihrem Wirken: Sie stellt sich ganz in den Dienst des Gastes. Das fängt an mit einem lockeren Gespräch bei der Begrüssung. Wie ist der Gast gereist? Hat er gut ins Restaurant gefunden? Weiter geht es mit einer kompetenten Beratung – der Restaurantbesucher darf mehr wissen, als was er in der Speisekarte selbst lesen kann.

«Und schliesslich muss ich fähig sein, in allen Situationen richtig zu reagieren.» Wenn der Gast grimmig ist, lange vor sich hin murrt, liegt es am Service, an der Leistung aus der Küche – oder hat er womöglich ein ganz anderes Problem? «Ein Stück weit bin ich immer auch Psychologin», weiss die Hotelfachschülerin, «denn ich muss jeden Gast lesen können, herausfinden, was er wirklich möchte.»


Ehrgeiz einer Könnerin

Am liebsten sind Angela Selzer die skeptischen Gäste. Jene, die sie besonders fordern, damit am Ende doch noch ein schönes Erlebnis daraus wird. «Wenn es gelingt, ist das für beide Seiten umso schöner.» Wie einst, als ein miesepetriger Geschäftsmann über die Schwelle tritt, ohne Hallo und nichts. Langsam nähert sie sich der verschlossenen Seele, verwickelt den Mann in ein aufmunterndes Gespräch – und am Ende hat sie ihn so weit, dass er ihr für den schönen Moment dankt.

Solche Szenen sind das Sahnehäubchen im anforderungsreichen Service-beruf. Möglich sind sie nur dann, wenn die erlernte Basis stimmt. Denn neben der inneren Balance im hektischen Alltag, dem Ausgleich zwischen Gästewünschen und Möglichkeiten als Gastgeber braucht es auch das physische Gleichgewicht. Ganz zu Beginn hat Angela Selzer gelernt, wie sie mehrere Teller balancieren kann. Deren drei beim Servieren, mindestens vier beim Abräumen. Das feine Tuch über den Unterarm legen, einen Teller darin einklemmen, die beiden anderen je in einer Hand tragen.

«Das hat bei den ersten Versuchen natürlich ordentlich gescheppert», erinnert sich die Bernerin lachend. Zum Glück hatte der Dozent da so einige Tricks auf Lager: erst nur mit Plastiktellern hantieren, später mit richtigen, aber leeren. Wenn Angela Selzer darauf zurückschaut, staunt sie noch mehr über ihre Entwicklung: «Damals hat noch nicht viel auf das hingedeutet, was jetzt aus mir geworden ist.» Nur für den Fall, dass auch in diesen Tagen einmal ein Teller in Scherben enden sollte; ein Grund für Ärger ist das nicht. Angela Selzer muss sich nur an früher erinnern. Die Geräusche in einem Restaurant, die sind ja Musik in ihren Ohren.

Marc Perler

Agenda

BEKB -Veranstaltungen

Hinweis zum Coronavirus: Je nach Entwicklung der Lage können Veranstaltungen abgesagt oder verschoben werden. Aktuelle Informationen und Anmeldung: bekb.ch/veranstaltungen

BEKB-Konzertreihe – Jugendblasorchester VBJ

25. Oktober 2020, Kongresshaus Biel
1. November 2020, Congress Centre Kursaal Interlaken
1. November 2020, Kultur- und Kongresszentrum Thun

Generalversammlung der BEKB

Aktuelle Informationen unter bekb.ch/gv

BEKB-Familientage

7. Juni 2020, Innenstadt Thun
21. Juni 2020, Seeteufel, Studen
6. September 2020, Schloss Burgdorf 
6. September 2020, Foire de Chaindon, Reconvilier