Die zwei Hüte eines Machers

Er ist kollegialer Spielleiter und harter Entscheider in einem: FIFA-Schiedsrichter und Sportlehrer Urs Schnyder. Wie einer die Balance hält, wenn andere ihn ins Wanken bringen wollen.

Alles ist gut, solange alle Augen auf 22 Mann gerichtet sind. Die zusätzliche Figur hält sich im Hintergrund. Denn Urs Schnyder, Schiedsrichter auf dem Platz, ist hier nicht der Wichtigste. Er trifft bloss die wichtigen Entscheidungen. Es ist das Dilemma für einen, der in der obersten Schweizer Fussballliga pfeift: sich möglichst rausnehmen und im nächsten Moment dann doch im Mittelpunkt stehen. Ein umstrittener Entscheid, ein kurzer Pfiff – und alle Aufmerksamkeit liegt auf ihm. Aber über die Jahre hat Urs Schnyder geschafft, was anderen nie gelungen ist: sich nicht zu viele Feinde zu machen. Für einen Schiedsrichter ist das schon fast der Ritterschlag.

Urs Schnyders Ruf hat viel mit seiner Haltung zu tun: «Der Begriff Schiedsrichter trifft es in meinen Augen nicht gut. Ich will nicht richten, sondern ein Spiel leiten.» Das bedeute etwa, nicht stur nach Reglement zu pfeifen, sondern den Interpretationsspielraum zu nutzen, auf die Spieler zuzugehen und sie verstehen zu wollen. «Mein Spielraum ist grösser, als viele denken.» Er müsse nicht gleich die Gelbe Karte ziehen, wenn ein Spieler beim Freistoss den Abstand nicht einhält: «Ich kann ihn mir zur Brust nehmen und ihm sagen, dass es ein nächstes Mal so nicht geht.»

Empathisch sein, nicht bloss den harten Hund geben: Eigentlich ist das für Urs Schnyder die normalste Sache der Welt. «Denn wer nur auf sturen Entscheider macht, schafft es nicht nach oben.» Der Entlebucher jedenfalls ist genau auf dem Weg dorthin, seiner umsichtigen Art sei Dank. Seit 2018 ist er einer von sieben Schweizer FIFA-Schiedsrichtern. Neben Spielen der Super League pfeift er jetzt immer wieder auch internationale Partien.


Freude geht nicht mit Härte

Abwägen, vermitteln, auf die Menschen eingehen: Urs Schnyders Stärken helfen ihm auch auf ganz anderem Terrain. Neben der Schiedsrichterei arbeitet er zu 50 Prozent als Sportlehrer. Seine Schüler sind angehende Maturanden des Gymnasiums Kirchenfeld in Bern. Der 33-Jährige sieht eines seiner obersten Ziele darin, Freude an der Bewegung weiterzugeben, «das schaffe ich nicht, wenn ich den gestrengen und strafenden Lehrer abgebe».

Vielmehr versucht Urs Schnyder, wo es geht, die Schüler und ihre Ideen einzubeziehen, sie einfach einmal machen zu lassen. «Sport ist unter anderem ein Ventil, da darf es auch mal lauter zugehen.» Den Schülern Freiheiten gewähren – das bedeutet aber nicht, ihnen alles durchgehen zu lassen. «Ich setze Leitplanken, innerhalb derer sie sich bewegen können.» Diese seien auf dem Schulsportareal naturgemäss weiter gesteckt als auf dem Fussballrasen, ein entsprechendes Reglement gebe es nicht.

Wenn aber einer die Leitplanken bewusst übertritt, dann weiss der Luzerner einzuschreiten. Klare Regelverletzungen im Fussball ziehen Konsequenzen nach sich, Grenzüberschreitungen im Schulsport erfordern das Gespräch. Im Unterricht kommt der Dialog immer vor der Bestrafung, anders im Fussball, «denn im laufenden Spiel bleibt keine Zeit für lange Diskussionen».

«Ich will nicht richten, sondern ein Spiel leiten.»


Vorteil Naturell

Vom Regeldurchsetzer bis zum sanftmütigen Begleiter: Hier die Balance zu halten, bereitet Urs Schnyder keine allzu grosse Mühe. Das habe viel mit seinem Naturell zu tun. «Ich bin wohl so etwas wie eine natürliche Autorität.» Diese speist sich aus Selbstvertrauen, Körperhaltung und jahrelanger Berufserfahrung. «Damit strahle ich etwas aus, was viele von vorneherein daran hindert, mir auf der Nase herumzutanzen.»

Was Urs Schnyder auch braucht, damit er als freundschaftliche Respektsperson ernst genommen wird: Transparenz über sich und seine Arbeit. «Ich muss gewissermassen durchsichtig sein, mich immer wieder erklären.» Nichts sei schlimmer, als wenn eine Bestrafung aus heiterem Himmel komme, weil sie für die Betroffenen nicht nachvollziehbar sei. Der gesellschaftliche Wandel befördere den Trend zur Transparenz. «Als Lehrer und Schiedsrichter bin ich nicht mehr per se eine Respektsperson.» Die Menschen seien heute kritischer, was mehr Rechtfertigungsdruck mit sich ziehe.

Ständig unter Beobachtung stehen, mit Ansprüchen von allen Seiten umgehen: «Gerade als Schiedsrichter ist der Druck oft brutal.» Ein Glück, dass Urs Schnyder dafür sein ganz persönliches Ventil gefunden hat: Er ist Gitarrist und Sänger der Luzerner Metal-Rockband «Preamp Disaster». Hier kann er rocken und röhren, ohne jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Für einen falschen Ton hie und da hat schliesslich noch keiner eine Gelbe Karte kassiert.

Marc Perler

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