Im Netz oder vom Netz?

Kurz die Zeit checken. Durch die Timeline scrollen. Essen bestellen. Netflix, Whatsapp, Snapchat: Wie behalten wir in der heutigen Welt die Balance zwischen on- und offline? Ist das überhaupt noch möglich? Vier Personen, die beruflich auf unterschiedliche Weise mit der digitalen Welt verbunden sind, geben uns Antwort auf diese Fragen.

  • Panajot Jelev, Utzigen
    Projektleiter Future Marketing Lab bei der Swisscom
    Durchschnittliche Smartphonenutzung pro Tag: 3 h 16 min

Wie behalten wir Ihrer Meinung nach die Balance zwischen der digitalen und der analogen Welt?
Für mich gibt es keine digitale oder analoge Welt, sondern «nur» unsere Welt – und die ist nun mal geprägt von gesellschaftlichen Veränderungen aufgrund der Digitalisierung. Viel wichtiger ist doch, dass wir die Lebensbereiche Arbeit, Sinn, Körper und Familie in Einklang halten. Diese Ausgeglichenheit war früher wichtig und ist es auch heute noch.

«Für mich gibt es keine digitale oder analoge Welt, sondern ‹nur› unsere Welt – und die ist nun mal geprägt von gesellschaftlichen Veränderungen aufgrund der Digitalisierung.»

Panajot Jelev

Sie sind Familienvater. Wie lernen Ihre Kinder mit digitalen Medien vernünftig umzugehen?
Mein Kredo: Begleiten ist definitiv besser als verbieten. Die digitalen Medien eröffnen für uns alle, besonders auch für Kinder, neue Möglichkeiten, sie bergen aber auch Risiken. Diese müssen wir kennen, um unseren Kindern einen sinnvollen Umgang mit digitalen Medien zu ermöglichen.

Was ist ein sinnvoller Umgang?
Auf diese Frage gibt es keine pauschale Antwort. Eine altersgerechte Nutzung spielt aber eine grosse Rolle. Was für einen Jugendlichen vernünftig ist, ist es für einen Neunjährigen wahrscheinlich weniger. Und was für einen Erwachsenen vernünftig ist, muss jede und jeder für sich selbst beantworten. Ich versuche, meine Nutzung immer wieder kritisch zu hinterfragen und mir bewusst ab und zu Offlinemomente zu gönnen. Während der gemeinsamen Zeit mit den Kindern versuche ich, mein Smartphone auszuschalten. #Vorbildfunktion.

 

  • Karin B. Friedli, Bern
    Projektkoordinatorin Suchtprävention/Elternarbeit Gesundheitsdienst Stadt Bern
    Zuletzt online: Heute Morgen im Büro die E-Mails gecheckt

Wie lernen Kinder und Jugendliche den vernünftigen Umgang mit digitalen Medien?
Durch Begleitung. Das bedeutet grundsätzlich auch, Grenzen zu setzen, sprich Zeiten festzulegen und hinzuschauen, welchen Inhalt sie konsumieren und ob dieser altersgerecht ist. Die Schwierigkeit liegt oft darin, dass wir Erwachsene viele Apps und Anwendungen nicht kennen und ihren Reiz nicht nachvollziehen können. Begleitung bedeutet deshalb auch, wahrzunehmen, was dem Kind guttut – und was nicht. Sinnvoll ist sicher, wenn Kinder und Jugendliche einer analogen Freizeitbeschäftigung nachgehen. Das gilt übrigens auch für Erwachsene.

Wie finden Sie Ihre persönliche Balance?
Bei meiner Arbeit als Präventionsfachfrau im Gesundheitsdienst der Stadt Bern verbringe ich die meiste Zeit im direkten Kontakt mit Menschen. Als Clown, Theaterpädagogin und klassische Sängerin bin ich analog unterwegs. Im Gegensatz dazu geniesse ich es aber auch, mir eine Serie auf Netflix reinzuziehen.

Was zeigt die Bildschirmzeit auf Ihrem Smartphone am Ende des Tages an?
Ich habe heute keine Kontrolle mehr auf dem Handy, sondern versuche mich selbst zu beobachten. Manchmal mit der Frage: Warum greifst du jetzt schon wieder zum Smartphone?

 

  • Sonia Eterno-Sposito, Solothurn
    CEO SHUBiDU AG, Familienkalender App
    Zuletzt online: Always on ☺

Sie sind vom Alter her knapp kein Digital Native. Gelingt Ihnen die Balance zwischen analog und digital leichter?
Ich frage mich, ob wir diese Balance überhaupt bewusst suchen müssen oder sich diese automatisch ergibt. Die heute noch starke Trennung zwischen on- und offline weicht immer mehr auf, sodass wir zum Beispiel im Internet Kleider auswählen, die dann direkt in der Garderobe zur Anprobe bereitgestellt werden.

Welche Onlinedienste nutzen Sie?
Grundsätzlich alle Möglichkeiten, die mir einen klaren Mehrwert gegenüber dem herkömmlichen Weg bringen, wie die Heimlieferungen von Einkäufen, das Buchen von Reisen, aber auch Möglichkeiten im alltäglichen Terminabstimmungschaos der Familie: Da haben wir möglichst vieles digitalisiert und automatisiert, um nicht alles am Esstisch zusammen abstimmen zu müssen. So bleibt uns mehr Zeit für spassige Erlebnisse.

Wann oder wo sind Sie im Gegenzug analog unterwegs?
Ich kaufe wieder Bücher in Papierform oder nehme mir Zeit, Geburtstags- oder Dankeskarten von Hand zu gestalten. Das macht mir selbst Spass, schafft einen Ausgleich und kommt zudem in der heutigen schnelllebigen Zeit sehr gut an. Ab 22 Uhr versuche ich, nicht mehr online zu sein. Dann stelle ich den Flugmodus ein, nehme ein Buch zur Hand und lese vor dem Cheminéefeuer.

 

  • Tibor János Kiss, Bremgarten bei Bern
    Inhaber und Keynote Speaker zum Thema Generation Z bei Schubkraft
    Smartphone zuletzt ausgeschaltet: Immer in der Nacht

Sind die Digitale Natives onlinesüchtig?
Ich beobachte in meinem privat eher jungen Umfeld, dass viele mehr Zeit in der digitalen Welt verbringen, als sie eigentlich wollen. Einige Freunde sprechen sogar davon, süchtig zu sein, und löschen sämtliche Social-Media-Apps, um weniger Zeit am Smartphone zu verbringen – die Abstinenz hält aber meist nicht lange an.

Wie finden Sie Ihre persönliche Balance zwischen online und offline?
Manchmal gar nicht. Aber ich versuche, «analoge» Tage einzulegen, und gehöre auch zu denen, die keine Social-Media-Apps mehr auf dem Smartphone haben. Im beruflichen Alltag komme ich jedoch um digitale Tools nicht herum, da brauche ich sie ständig. Das ist auch gut so, denn sie bringen viele Vorteile mit sich.

Was verstehen Sie unter einem vernünftigen Umgang mit digitalen Medien?
Bei Erwachsenen? Keine Ahnung. Bei Kindern? Gute Frage. Ich denke, dass viele Erwachsene selbst nicht wissen, wie sie mit digitalen Medien umgehen sollen. Wie wollen sie es also ihren Kindern beibringen? Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass ein Kind unter acht Jahren draussen an der frischen Luft «Versteckis» und nicht gegen einen fiktiven Avatar auf dem Computer spielen sollte. Danach halte ich eine Schritt-für-Schritt-Begleitung in die digitale Welt für sinnvoll.

Maria van Harskamp

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