Plötzlich zweifaches Grosi

Janine Rothen wurde auf einen Schlag Grossmutter von zwei Kindern. Grund dafür ist das Caritas-Programm «mit mir». Dieses bringt Kinder aus belasteten Verhältnissen mit freiwillig engagierten Patinnen und Paten zusammen. Eine Beziehung, die Familien und Kulturen verbindet.

«Meistens wünschen sich die Kinder einen Ausflug in die Natur, was mich natürlich sehr freut.»

Die Bernerin Janine Rothen teilt, was oft Mangelware ist: Zeit. Diese fehlt besonders in herausfordernden Familiensituationen. Wenn eine Scheidung, finanzielle Schwierigkeiten, Krankheit oder der Migrationsprozess an den Kräften der Eltern zehren und den Kindern deshalb nicht die erforderliche Aufmerksamkeit entgegengebracht werden kann, kommt das Programm «mit mir» der Caritas Bern zum Tragen. Es vermittelt freiwillige Paten wie Janine Rothen an benachteiligte Familien.
 

Entlastung für die ganze Familie

Rothen hatte sich eigentlich für die Betreuung eines einzelnen Kindes gemeldet: «Als ich dann angefragt wurde, bei einem Notfall einzuspringen und gleich zwei Kinder zu betreuen, sagte ich selbstverständlich Ja. Unterdessen ist klar, dass ich für die ganze kleine Familie da bin.» Die alleinerziehende Mutter der beiden Kinder im Alter zwischen sieben und neun Jahren sei bei den Treffen fast immer mit dabei und ebenso froh um die gemeinsamen entlastenden Stunden.

Den Impuls für das Engagement erhielt die gelernte Anästhesiefachfrau vor zwei Jahren: «Eine Freundin meiner Tochter teilte ihre Wohnung mit einer Flüchtlingsfamilie, das machte mir Eindruck. Ich begann über ein Engagement für Flüchtlinge nachzudenken.» Bald darauf hielt Rothen den Prospekt der Aktion «mit mir» in den Händen.

Ein Beitrag zur Integration

Das Programm hat unter anderem zum Ziel, durch gemeinsame Aktivitäten wertvolle Erfahrungen zu sammeln, den Kindern unbeschwerte Momente zu schenken und Integration zu fördern. «Es ist mir wichtig, dass es den Menschen, die zu uns geflüchtet sind, auch gut geht. Ich bin überzeugt, dass Integration ein wichtiger Schlüssel für die Kinder und Jugendlichen ist, hier Fuss zu fassen und glücklich zu werden», erklärt Rothen die Gründe für ihr Engagement. «Zudem habe ich selbst keine Enkelkinder und kann mit den gemeinsamen Aktivitäten etwas weitergeben, was mir Freude macht, und zugleich meinen Beitrag im sozialen Bereich der Stadt leisten», fügt Rothen hinzu.

Das erste Treffen fand vor zwei Jahren bei der Caritas in Bern statt. Die Kinder lernten ihr Grosi bei einem lockeren Austausch kennen. «Das Mädchen war vom ersten Moment an sehr aufgeschlossen, der Junge brauchte etwas mehr Angewöhnungszeit», erinnert sich das Berner Grosi, wie die Kinder Janine Rothen fortan nannten.

«Viele Frischpensionierte verfügen plötzlich über viel freie Zeit, in der sie Mütter und Familien unterstützen können.»

Eine Bindung auf Gegenseitigkeit

In der Zwischenzeit teilen sie viele gemeinsame Erlebnisse. Mal wird zu Hause gespielt, mal geht es in die Badi, an den See zum Bräteln, oder sie betreut die Kinder am Abend, wenn die Mutter zum Elternabend muss. «Meistens wünschen sich die Kinder einen Ausflug in die Natur, was mich natürlich sehr freut.» Vom ersten Wanderausflug seien alle so begeistert gewesen, dass sie gerade ihren ersten gemeinsamen zweitägigen Ausflug in die Berge planen. «In der Schule berichten die Kinder, dass sie mit der Berner Grossmutter unterwegs waren. Die sei schon sehr alt und habe Katzen zu Hause», erzählt Rothen mit einem stolzen Schmunzeln.

Während des Lockdowns waren die Besuche in Rothens Garten fast die einzigen nicht virtuellen menschlichen Kontakte für die kleine Familie ausserhalb der eigenen vier Wände. «Ich erwartete zwar nie ein Merci für mein Engagement. Aber Tränen in den Augen hatte ich, als die drei am Mittwoch nach Muttertag mit einem Blüemli und zwei herzlichen Briefen bei mir auftauchten und sagten, Muttertag sei doch auch ein wenig Grossmuttertag.»
 

Toleranz, Klarheit und Austausch

Durch das sinnvolle Engagement erfahre sie grosse Befriedigung, aber auch herausfordernde Momente. Beispielsweise im Hinblick auf Geduld und Offenheit: «Die Herausforderung besteht manchmal darin, Menschen mit Migrationshintergrund nicht umerziehen zu wollen. Also tolerant zu sein und trotzdem klar zu kommunizieren, was wir in der Schweiz als wichtige Verhaltensregeln hochhalten.»

Das Programm würde Rothen jedem weiterempfehlen, besonders Personen im Seniorenalter. «Viele Frischpensionierte verfügen plötzlich über eine Menge freie Zeit, in der sie Mütter und Familien unterstützen können.» Die teilnehmenden Paten-Grosseltern treffen sich einmal jährlich bei der Caritas zum Erfahrungs-Austausch. Dort werden offen Fragen geklärt wie etwa, was man macht, wenn sich die Familie nie von selbst meldet, oder wie die Handhabung der anderen mit Geschenken und Einladungen ist.

Mit Geschenken ist Rothen zurückhaltend. «Sie dürfen sich zum Geburtstag oder zu Weihnachten etwas von mir wünschen. Aber alle Wünsche aus dem Spielzeugladen kann und will ich nicht erfüllen, ich schenke ihnen lieber meine Zeit.» Durch die gemeinsamen Momente ist eine familiäre Bindung entstanden. «Unsere eigenen vier Kinder sind ausgeflogen, waren aber allesamt, wie auch mein Mann, schon mal mit mir und dem ‹mit mir›-Trio unterwegs, eine Bereicherung für alle!»

Text: Maria van Harskamp

Patenschaftsprojekt «mit mir»

Das kostenlose Angebot der Caritas richtet sich an Familien mit bescheidenen finanziellen Möglichkeiten – mit oder ohne Migrationserfahrung. Kinder von vier bis elf Jahren verbringen Zeit mit freiwilligen Patinnen und Paten, die von «mit mir» vermittelt werden. Die Ziele sind es, die Entwicklung der Kinder durch abwechslungsreiche Aktivitäten zu fördern, Eltern zu entlasten und Freiwilligen ein sinnvolles Engagement zu ermöglichen.
www.mitmir.ch

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