Stein oder nicht Stein?

Dagobert Scharf blickt auf ein ereignisreiches Berufsleben in der Porzellanindustrie zurück. Auch als Pensionär bleibt er den Mineralien verbunden. Als Fotokünstler beeindruckt er heute mit Makroaufnahmen von Achatscheiben.

Dagobert Scharf fotografiert Mineralien. Der Fotokünstler schiesst mit seinem Spezialequipment extreme Nahaufnahmen von Achatscheiben. «Die Beleuchtung ist dabei besonders wichtig», erklärt er. «Bei Durchlicht oder Auflicht sieht die Makroaufnahme ganz anders aus.» Eines bleibt immer gleich: Das Endresultat stellt den unwissenden Betrachter vor ein Rätsel. Ist dieses Bild gemalt? Von einem Menschen gemacht? Oder sind die fliessenden Formen doch natürlichen Ursprungs? Der Betrachter bleibt verwirrt – aber fasziniert. So wie Dagobert Scharf, der mit leuchtenden Augen von seiner zweiten Karriere als Fotokünstler erzählt. «Ich habe meine Berufung gefunden», freut er sich. «Ich bin angekommen. Auch wenn der Weg bis hier nicht immer leicht war.»
 

Steiniger Weg

In den 1970-er-Jahren entscheidet sich Scharf für ein Studium der Kristallografie an der Universität Bonn. «Mit Steinen hatte ich bis dahin nichts am Hut», erinnert sich der heute 68-Jährige. «Ich wollte ursprünglich einfach etwas Naturwissenschaftliches studieren, das mir am Ende viele Möglichkeiten bieten sollte.» Im Vorstudium kam er erstmals mit Mineralien in Kontakt. Die Welt der Steine hatte ihn bald vereinnahmt. Er begann, schöne Stücke zu sammeln. Die angewandte Mineralogie weckte sein Interesse. Dank seiner Spezialisierung auf den Bereich der Keramik hatte er nach dem Studium die Möglichkeit, bereits auf relativ hoher Ebene in den Arbeitsmarkt einzusteigen. «Ich fand meine erste Stelle bei Friesland», so Scharf. Eben noch Student, war er plötzlich Abteilungs- und Laborleiter in einer Porzellanfabrik. «In dieser Stelle habe ich sehr viel über das Keramikhandwerk gelernt», erinnert er sich. «Ich sah aber leider keine Möglichkeit, mich dort weiterzuentwickeln.» Als er von einer offenen Stelle als stellvertretender Projektleiter bei Laufen hörte, zog es ihn in Richtung Sanitär- und Anlagentechnik in die Schweiz. Hier war er nicht nur für die Weiterentwicklung eines neuartigen Produktionsprozesses mitverantwortlich, sondern leitete im Bereich Sanitär auch die Laborleiterkonferenz Europa.

  • Dagobert Scharf hat sich auf Makrofotografie spezialisiert. Aktuell fotografiert er Achatscheiben im Auf- und im Durchlicht.

  • Auf hochwertigen Ausdrucken kommen seine Bilder besonders gut zur Geltung.

  • Dagobert Scharf besitzt mittlerweile über 50 verschiedene Achatscheiben. Die meisten von ihnen stammen aus Brasilien.

  • Achate können in fast allen Farbtönen vorkommen. Hier ein Exemplar in leuchtendem Pink.

  • Dagobert Scharf interessiert sich für die Details (siehe Markierung) …

  • … und lässt sie in der Nahaufnahme wie ein abstraktes Gemälde wirken. 

Internationale Höhenflüge …

Als Rohstoffspezialist reist er bald durch die ganze Welt. Neue Türen öffnen sich: Die Porzellanfabrik in Langenthal setzt auf Scharfs Expertise und stellt ihn 1997 als technischen Koordinator ein. Er hilft beim Produktionstransfer der Porzellane von der Schweiz nach Tschechien. Für jenen von Österreich nach Tschechien und Frankreich trägt er die Hauptverantwortung. Mit dem erfolgreichen Abschluss dieser Aufgabe findet man schnell ein neues Projekt für Dagobert Scharf: «Ich sollte ein neues Produkt einführen. Schlagfesteres Porzellan als Vollsortiment, wie es dieses schon reduziert für Fluggesellschaften gab.» Die Kooperation mit einem Partner in den USA befindet sich auf dem Höhepunkt – doch dann kommt alles anders.
 

… und ein tiefer Fall

Am 11. September 2001 rasen zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center in New York. Die Welt, wie sie war, existiert nicht mehr. «Unser Partner bekam Probleme», erinnert sich Dagobert Scharf. «Das neue Geschäft stockte.» Wenig später verunfallt einer der beiden Besitzer der Porzellanfabrik tödlich. Die Bank verliert das Vertrauen und dreht den Geldhahn zu. Die «Porzi» geht in Nachlassstundung. Ein Schock! Viele Mitarbeitenden verlieren ihre Stelle. Wenig später teilt Scharf ihr Schicksal. Die ehemalige Tochtergesellschaft aus Tschechien übernimmt die Fabrik.

Mit 50 Jahren steht Dagobert Scharf auf der Strasse. Ein alternder, aber sehr erfahrener Spezialist auf Jobsuche. «Man sagte mir immer wieder, ich sei überqualifiziert und/oder zu alt. Vermutlich wollte man den Anstieg der Pensionskassenbeiträge mit dem Alter verhindern. Ich war chancenlos.» Der gebürtige Dortmunder sucht nach einem Ausweg aus der Arbeitslosigkeit. Er kratzt seine Ersparnisse zusammen, plündert seine Altersvorsorge und macht sich selbstständig. Fünf Jahre später findet Scharf durch persönliche Kontakte doch noch die passende Stelle. Er wird Fachspezialist in der Hochleistungskeramik der Empa. Fast zehn Jahre arbeitet er hier – bis zu seiner Pensionierung.

Die Gelder aus seiner Pensionskasse hatte Scharf in seine Selbstständigkeit investiert: «Die Sozialspirale hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen», erzählt der Madiswiler. Als 55-Jähriger steht Dagobert Scharf vor dem Nichts. «Der Fall war nicht mehr aufzuhalten. Auch wenn er durch die Anstellung bei der Empa gestoppt wurde. Für nach der Pensionierung musste ich mir etwas überlegen, einen anderen Weg einschlagen.» Schon als Student hatte Scharf die ersten Erfahrungen in der Fotografie gesammelt. Während seiner ersten Karriere hat sie ihn als Hobby begleitet. 2017 startet er motiviert seine zweite Karriere: als selbstständiger Fotograf.
 

Zurück in die Vergangenheit

Seine Aufnahmen werden mit der Zeit immer experimenteller. «Das reine Fotografieren reichte mir bald nicht mehr», erinnert sich Scharf. Die Makrofotografie wird zu seinem Markenzeichen. Er verbringt Stunden in der Dunkelkammer. Macht Retuschen, bis Tierporträts und Windmühlen wie Strichzeichnungen wirken. Der Fotograf wird zum Künstler – und wagt sich immer näher an seine Objekte. «Aktuell fotografiere ich Achatscheiben im Auf- und Durchlicht.» Die Nachbearbeitung einer einzelnen Aufnahme dauert einen halben Tag. Die abstrakten Fotos stellte Scharf im Herbst 2019 in einer Ausstellung unter dem Titel «Die Natur, unser grösster Kunstschaffender» aus. Zwischen Tassen, Tellern und Saucieren. Im Showroom der Porzellanfabrik Langenthal. Dort, wo einst seine erste Karriere ihren Anfang nahm.

Text: Barbara Zesiger
Fotos: Beat Remund, Stämpfli
Makroaufnahmen: Dagobert Scharf

Zur Person:
Dagobert Scharf

Dagobert Scharf beschränkt sich als Fotograf nicht nur auf ein Thema. Er wechselt immer wieder sein Hauptarbeitsgebiet – ohne dabei die anderen Themen zu vergessen. Lange hat er sehr experimentell in der Dunkelkammer gearbeitet. Seit dem Jahr 2003 fotografiert Scharf nur noch digital. Seine bevorzugte Kamera ist die CANON EOS 5D Mark III.

Weitere Infos und Werke des Fotokünstlers finden Sie auf seiner Website, über sein Instagram-Profil und auf seiner Facebook-Seite.

Fotoausstellungen in der «Porzi» Langenthal:
«Porzellan trifft Kunst»

Zwischen Fotokünstler Dagobert Scharf und seiner alten Arbeitgeberin, der Porzellanfabrik Langenthal, gibt es keine Ressentiments. Nach einem Zufallstreffen an einer Keramikmesse werden gemeinsam neue Projekte angegangen: 2019 stellt Scharf seine Werke erstmals im Showroom der «Porzi» aus. Diese Exposition ist der Auftakt einer Ausstellungsserie unter dem Motto «Porzellan trifft Kunst».

Wann die nächste Kunstaustellung stattfinden wird, erfahren Sie auf der Website der Porzellanfabrik Langenthal.

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