Verständnis verbindet

Sima Ebrahimi und Rachida Rouane sind interkulturelle Dolmetscherinnen. Sie helfen Flüchtenden aus Marokko und aus Afghanistan bei der Verständigung mit Schweizer Institutionen und Behörden.

Die Kommunikation zwischen zugewanderten Personen und Fachleuten in der Schweiz ist manchmal eine Herausforderung. Es gibt nicht nur sprachliche, sondern oft auch kulturell bedingte Verständigungsprobleme. An diesem Punkt springen interkulturelle Dolmetschende wie Sima Ebrahimi (43) aus Afghanistan und Rachida Rouane (50) aus Marokko ein. Die beiden Frauen sprechen die Sprache und die Dialekte einer Migrationsgruppe. Sie kennen die Strukturen, die Institutionen und die Lebensweisen in ihren Ursprungsländern. «Wenn Migrantinnen und Migranten Englisch können, funktioniert die Kommunikation mit Institutionen wie Schule, Sozial- oder Migrationsamt in der Regel gut», weiss Sima Ebrahimi. «Die meisten Flüchtenden sind heute jedoch Analphabeten. Sie hatten nie die Möglichkeit, die Schule zu besuchen. Sie brauchen jemanden an ihrer Seite, der für sie übersetzt und im besten Fall auch ihre Kultur kennt.»
 

Kommunikation der Kulturen

Die Schicksale ihrer Mitmenschen gehen den beiden Dolmetscherinnen nahe. Anhand ihrer eigenen Erfahrungen können sie sich vorstellen, was ihre Landsleute durchgemacht haben. «Bei Asylbewerbern ist immer eine emotionale Komponente im Spiel», weiss Dolmetscherin Rachida Rouane. «In solchen Fällen ist es wichtig, den kulturellen Hintergrund zu verstehen. Manche Traditionen und Verhaltensweisen können zu Missverständnissen führen.» So würden zum Beispiel Männer aus islamischen Ländern Frauen zur Begrüssung nie die Hand reichen, wie es hier üblich ist. «Als interkulturelle Dolmetscherinnen bauen wir eine Brücke zwischen den Flüchtenden und der Schweiz. Wir verbinden Menschen unterschiedlicher Kulturen.»

Sima Ebrahimi betont, dass aufkochende Emotionen neben den sprachlichen Schwierigkeiten die häufigsten Kommunikationsstörungen sind: «Bei gewissen Entscheiden kann es zu Konflikten oder Aggressionen kommen. Manchmal werden Gespräche verweigert.» Um dann trotzdem eine Verständigung zu finden, brauche es viel Geduld und Toleranz – auf allen Seiten. «In belastenden Situationen versuche ich, ruhig zu bleiben und professionell jedes einzelne gesagte Wort zu übersetzen.»
 

Das Problem der fehlenden Wörter

Das sachliche, genaue Dolmetschen ist eine grosse Herausforderung für die interkulturellen Dolmetscherinnen. «Wir dürfen uns unter keinen Umständen beeinflussen lassen und nicht wohlwollend übersetzen. Eigene Interpretationen und Bewertungen sind fehl am Platz», so Rachida Rouane. Das wird besonders dann schwierig, wenn Begriffe wie zum Beispiel Sozialarbeiter, Beistand oder Sozialdienst in der Zielsprache gar nicht existieren. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Flüchtende zum Teil misstrauisch oder verlegen reagieren, wenn ich solche Wörter genauer erkläre», führt Sima Ebrahimi aus. «In diesen emotionalen Situationen kann es zu Missverständnissen kommen. Das kann das Vertrauen zwischen den Gesprächsparteien gefährden und die Kommunikation erschweren.»
 

Anspruchsvolle, aber wertvolle Aufgabe

Meistens übersetzen und vermitteln interkulturell Dolmetschende in sogenannten Trialogsituationen. Das sind Gesprächssituationen mit drei Parteien. Rachida Rouane arbeitet sporadisch bei HEKS und vermittelt für den Kanton Bern und vor Gericht. Neben allen Herausforderungen, die dieser anspruchsvolle Job mit sich bringt, freut sie sich auch über schöne Erlebnisse: «Nach einem Gerichtstermin kam die Richterin auf mich zu und bedankte sich bei mir, weil ohne mich die Verständigung nicht geklappt hätte. Solche Wertschätzungen bedeuten mir viel.» Auch Sima Ebrahimi, die als Fachfrau Migration in einem Durchgangszentrum arbeitet, erfährt viel Dankbarkeit von allen Seiten: «Das Schönste ist für mich, wenn wir am Ende eines Gesprächs ohne Missverständnisse und ohne Streit auseinandergehen können.»

Text: Barbara Zesiger

Rachida Rouane
Herkunft: Marokko
Alter: 50
In der Schweiz seit: 1998
Ausbildung zur interkulturellen Dolmetscherin im Jahr: 2017–2018 bei der Fachstelle Migration ISA
Warum sind Sie interkulturelle Dolmetscherin geworden?
«Da ich selbst Migrationshintergrund habe, geht mir das Schicksal dieser Menschen nahe. Es ist schön, etwas Sinnvolles zu tun. Ich habe Freude an der Sprache und am Kontakt mit Menschen. Ich übersetze in arabische Dialekte und Hocharabisch.»

Sima Ebrahimi
Herkunft: Afghanistan
Alter: 43
In der Schweiz seit: 2008
Ausbildung zur interkulturellen Dolmetscherin im Jahr: 2017–2018 bei der Fachstelle Migration ISA
Warum sind Sie interkulturelle Dolmetscherin geworden?
«Ich möchte den Menschen, die aus meinem Land flüchten mussten, helfen. Viele von ihnen haben nie die Schule besucht und sind Analphabeten. Sie brauchen eine Übersetzerin, welche die Sprache und Kultur der Schweiz kennt.»

Der Beruf: interkulturelle Dolmetscherin / interkultureller Dolmetscher

Interkulturell Dolmetschende kommen in anspruchsvollen Gesprächen im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, bei Behörden oder in der Justiz zum Einsatz. Sie wirken bei Projekten und Bildungsveranstaltungen im interkulturellen Bereich mit und erleichtern den Kontakt zwischen Fachstellen und Migrationsgruppen. Interkulturell Dolmetschende sorgen dafür, dass die Institutionen des Service Public ihre Aufgaben wahrnehmen und ihre Dienstleistungen erbringen können. Sie helfen dabei, dass die gesellschaftlichen Strukturen funktionieren. Fachpersonen für interkulturelles Dolmetschen arbeiten oft für regionale oder nationale Vermittlungsdienste. Sie agieren selbstverantwortlich und halten sich an berufsethische Grundsätze wie die Schweigepflicht.

Weitere Informationen zum Berufsbild finden Sie online beim Schweizerischen Dienstleistungszentrum Berufsbildung | Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (SDBB) oder bei der Fachstelle für Migration in der Region Bern (isa).

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