Starke Berner Mauern – ein Arbeitsplatz mit Aussicht

«Starke Leistung», denken sich viele, wenn sie vor dem Berner Münster stehen. Sandstein auf Sandstein ist die Kirche mit Turm über 100 Meter hoch. Wer nicht ganz schwindelfrei ist, kriegt schon beim Blick nach oben feuchte Hände. Wie es wohl ist, in dieser Höhe zu arbeiten? «Aussichtsreich und windig», erfahren wir von Münsterbaumeisterin Annette Loeffel.

Das Münster ist nicht nur Berner Stolz, sondern auch die grösste und wichtigste spätmittelalterliche Kirche der Schweiz. Sie hat es sogar auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes geschafft. Vor Jahrhunderten erbaut, ist sie bis heute Berner Wahrzeichen und eine Touristenattraktion. Architektin Annette Loeffel kennt nicht jeden einzelnen Stein, aber das Münster als Bauwerk doch ziemlich gut. Seit 1998 ist sie damit vertraut. Vor mehr als 20 Jahren als Praktikantin bei der Häberli Architekten AG gestartet, ist sie heute die Geschäftsinhaberin. Im Auftrag der Berner Münster-Stiftung führt sie die Münsterbauhütte (siehe Kasten), deren Mitarbeitende sich auf sämtliche Arbeiten rund um die Berner Kirche konzentrieren. Zusammen mit ihrem Team kümmert sich Annette Loeffel um die Restaurierungsarbeiten am Münster und ist für die bauliche und denkmalpflegerische Projektleitung verantwortlich.
 

600 Jahre Geschichte

Mehr als 50 Prozent ihres Arbeitspensums widmet Annette Loeffel der Instandhaltung der alten Berner Schönheit. Eine Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl und Know-how erfordert. «Während früher einfach gewisse Bauteile ersetzt wurden, versuchen wir heute, zu restaurieren, statt zu renovieren. Das heisst, wir ersetzen nicht unnötig, sondern versuchen, Bestehendes zu erhalten.» So arbeiten nebst Steinmetzinnen und Steinbildhauern auch Restauratoren, Geologinnen sowie Labormitarbeitende in der Münsterbauhütte. Annette Loeffel: «So bleiben die einmaligen Spuren der Geschichte erhalten.»
 

  • Die Wasserspeier in Form von Fabelwesen sind im Vergleich zum Münster relativ jung – sie wurden um 1920 herum kreiert.

  • Das über 100 Meter hohe Münster prägt die Skyline der Hauptstadt.

  • Die Sicht vom Münster ist einmalig: Nebst der Berner Altstadt bietet sich ein grosszügiger Blick auf die Münsterplattform und die Aare.

Arbeiten unter besonderen Bedingungen

Die Arbeiten sind abwechslungsreich, immer wieder tauchen neue Herausforderungen auf. Mal erklärt Annette Loeffel der Presse die aktuellen Arbeiten, kurz darauf kniet sie während einer Baustellenbesichtigung im Staub, bevor sie mit dem Sigrist die Betriebssicherheit unter die Lupe nimmt. Natürlich stehen auch Arbeiten in der Höhe regelmässig auf der Tagesordnung. Die Architektin leichthin: «Für mich kein Problem. Ich geniesse das sogar.» Nur der Ausflug auf einer Hebebühne rund 80 Meter über dem Boden hat auch bei ihr für wackelige Knie gesorgt: «Beim Blick nach unten musste ich ein paar Mal leer schlucken.» Ihr Team kommt mit der Höhe gut zurecht. Die meisten sind schwindelfrei. Nur einem Mitarbeiter hat die Höhe etwas zugesetzt. Doch er wusste sich zu helfen. Annette Loeffel sagt anerkennend: «Während seiner Sommerferien ist er mehrfach mit dem Baustellenlift hoch- und runtergefahren, um seine Höhenangst zu bekämpfen – und es hat geholfen!»

Windig ist es in der Höhe allemal. Das muss auch bei der Auswahl des Netzes rund um das Baugerüst berücksichtigt werden. Während für die unteren Bereiche ein feinmaschiges Netz zum Einsatz kommt, ist die Lösung an der Turmspitze ein winddurchlässiges Hasengitter. So gerät das Gerüst nicht ins Wanken. Ist der Wind zu stark, kündigt sich ein Unwetter an oder sind die Temperaturen im Winter zu tief, fallen die Arbeiten rund um den Turmhelm aber ganz aus.
 

Spannend, fordernd, niemals langweilig

Starke Nerven braucht Annette Loeffel immer – allerdings nicht wegen der beeindruckenden Distanz zum Boden. Kommt es hingegen zu unvorhergesehenen Herausforderungen, gerät sie schon mal ins Schwitzen. «Es ist schon vorgekommen, dass ich an stürmischen Ostern ein Gerüstnetz neu fixieren musste», erzählt die Münsterbaumeisterin schmunzelnd. Immer wieder tauchen Situationen auf, die sie so nicht erwartet hat. «Fast immer werden sogenannte Probleme aber früher oder später zu Erfolgserlebnissen, die unser Know-how erweitern», resümiert Annette Loeffel. Eine schöne Erkenntnis. Und die beste Voraussetzung, um sich auch die nächsten 20 Jahre gerne mit dem Berner Baudenkmal zu beschäftigen.

Text: Laura Marti

Münsterbauhütte

Die Münsterbauhütte wurde 1882 gegründet, als der Bau des oberen Turmoktogons und des Helms bevorstand. Heute kümmern sich elf Spezialistinnen und Spezialisten um sämtliche baulichen Arbeiten am Münster – immer im Auftrag der Berner Münster-Stiftung und unter der Leitung von Münsterbaumeisterin Annette Loeffel. Neben der kontinuierlichen Pflege des Baus und der Ausbildung von Lernenden erweitern die Mitarbeitenden laufend ihre Kompetenzen im Bereich der Restaurierung und Konservierung von Sandsteinbauten.

600 Jahre Berner Münster

Am 11. März 1421 wurde der Grundstein für das Berner Münster gelegt. 600 Jahre später soll dieser Augenblick mit einer Jubiläumsfeier gewürdigt werden, woraus coronabedingt 601 Jahre werden. So erwarten uns nächstes Jahr verschiedene Anlässe rund um das bedeutende Bauwerk. Mittelpunkt ist das viertägige Fest vom 10. bis 13. März, das verschiedene Gottesdienste, Symposien, Konzerte und Führungen beinhaltet. Die BEKB unterstützt die Feierlichkeiten über den BEKB Förderfonds.

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