«Vereine wird es auch weiterhin geben»

Für den Politikwissenschaftler Markus Freitag sind Vereine nicht nur Orte der Begegnung, des Austauschs und der Integration – er sieht sie vor allem als Schulen der Demokratie.

Zahlreiche Vereine sprechen von Nachwuchsmangel und Überalterung und zeigen sich ratlos, wie sie dem begegnen sollen. Doch steht es um das Vereinsengagement in der Schweiz wirklich so schlecht? Die Mitgliederstatistiken, welche der Politwissenschaftler Markus Freitag in seinem Buch «Das soziale Kapital der Schweiz» veröffentlichte (siehe Kasten), zeichnen ein anderes Bild: Dort nimmt die Schweiz hinsichtlich des freiwilligen Engagements im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz ein.

Zudem geht daraus hervor, dass aktuell zwischen 70 und 75 Prozent der Befragten Mitglied in einem Verein sind. Diese Zahl umfasst zwar aktive und passive Mitglieder zusammen – als aktiv bezeichnen sich aber immerhin rund 58 Prozent, also mehr als jeder Zweite.

Dennoch liegen die Vereine mit ihrer Wahrnehmung nicht völlig daneben, wie ein Vergleich mit den Zahlen aus der Mitte der 1970er Jahre zeigt: Damals gaben ganze 95 Prozent der Befragten an, Mitglied in einem Verein zu sein. Auch die Wahrnehmung des hohen Durchschnittsalters der Engagierten ist nicht ganz verfehlt: Der Anteil der 20- bis 39-Jährigen hat sich gegenüber damals halbiert – von rund 50 Prozent auf aktuell etwa 25 Prozent.

Markus Freitag, der Professor für Politische Soziologie an der Universität Bern ist, erklärt im Interview, weshalb er den Vereinen für das gesellschaftliche und politische Zusammenleben eine immense Bedeutung beimisst. Er nennt auch Gründe für deren Mitgliederprobleme – und zeigt ihre Perspektiven auf.

Angesichts der Klagen zahlreicher Vereine um Mitgliederschwund erstaunen die genannten Zahlen doch etwas.

Markus Freitag: Die öffentliche Wahrnehmung ist ja auch eine ganz andere: Viele beklagen, dass sich niemand mehr engagieren will. Ich will festhalten, dass dies oft nur Momentaufnahmen sind. Die Zahlen zeigen aber auch, dass es tatsächlich einen markanten Rückgang im Vereinsengagement gab.

«Das Internet bietet, was vorher nur im sozialen Miteinander möglich war: Information und Unterhaltung.»

Markus Freitag

Offenbar liegt es immer weniger im Zeitgeist, sich freiwillig zu engagieren. Woran liegt das?

Die Aussage, dass das Vereinsengagement stirbt, ist zu plakativ. Grundsätzlich gilt aber: Je mehr Verpflichtung zum Engagement dazukommt, desto schwieriger ist es, Mitglieder zu finden. Viele müssen beruflich fast rund um die Uhr abrufbar sein und sind oft unterwegs, sodass sie sich in der Freizeit keine festen Termine mehr aufbürden wollen oder können. Man treibt zwar Sport, aber für sich allein, ohne feste Termine, ohne fremde Vorgaben – sobald man sich in seiner Freiheit eingeschränkt fühlt, stellt sich die Frage nach dem Nutzen der Tätigkeit.

In Ihrem neuen Buch «Das soziale Kapital der Schweiz» halten Sie fest, dass ein Grossteil dieser Entwicklung der digitalen Revolution zuzuschreiben ist. Was heisst das konkret?

Das Internet bietet, was vorher nur im sozialen Miteinander möglich war: Information und Unterhaltung. Früher waren Vereine Orte des Zusammenkommens und damit Austauschbörsen für Informationen – diese bekommt man heute aber leichter übers Internet. Wichtig ist zudem, dass in der digitalen Welt die Grenzen von Zeit und Raum verschwinden: Man kann rund um die Uhr online sein. Vereine sind demgegenüber altmodisch, weil sie einer Zeit Struktur geben, die strukturlos ist.

Ebendiese Entwicklung halten viele für bedenklich.

Wer mit anderen Menschen in Kontakt treten will, hat im Internet zweifellos mehr Möglichkeiten als in einem Verein. Diese Qualität gilt es zu berücksichtigen. Aber sicher, soziale Medien haben auch Nachteile. Sie legen dem Austausch von Angesicht zu Angesicht die Schlinge um den Hals. Dazu kommt, dass sich in Vereinen auch Leute treffen, die sich gar nicht mögen – die müssen sich arrangieren und Toleranz üben. Diese Selbstreflexion, die «Duldung des Falschen», wird im digitalen Netz nicht verlangt: Hier kann man sofort wegklicken, was nicht passt. Ich spreche deshalb gerne von Vereinen als «Schulen der Demokratie».

Was meinen Sie damit?

Es gibt Befunde, dass Vereinsmitglieder häufiger über Politik sprechen und eher abstimmen gehen. Vereine bieten eine Plattform, um politisches Interesse zu entwickeln, sich seine Meinung zu bilden und politisches Verhalten einzustudieren. Man übt zudem Dinge ein, die auch im politischen Leben nützlich sind: Es kann nicht schaden, sich vorher als Vereinspräsident zu engagieren, bevor man ein politisches Amt ausübt, und im Training mit acht- bis zehnjährigen Kindern übernimmt man Führungsqualitäten und muss lernen, Kompromisse zu finden.

Welche Bedeutung räumen Sie den Vereinen generell ein?

Gesellschaftlich erfüllen Vereine verschiedenste Funktionen: Erstens können sie staatsentlastend wirken, indem sie öffentliche Dienstleistungen übernehmen. Zweitens erleichtern sie die gesellschaftliche Integration – nicht nur von Migranten. Ausserdem sind Vereine Schulen der Toleranz, der Kommunikation und des Vertrauens. Nicht zuletzt können Vereine auch als Wirtschaftsfaktor angesehen werden: In Kantonen mit hoher Vereinsdichte war in unserer Erhebung die Arbeitslosigkeit geringer.

Worauf führen Sie diesen Zusammenhang zurück?

Zunächst einmal sind durch die soziale Vernetzung die Suchkosten für eine neue Arbeitsstelle geringer. In einem Verein aktiv zu sein, vermindert also sicher nicht die Chancen, wieder in den Arbeitsmarkt eingegliedert zu werden. Dazu kommt, dass Vereine etwa nach dem Bowlen oft noch in ein Wirtshaus gehen und konsumieren – der Wegbruch solcher Einnahmen zieht eventuell auch für diese Gaststätte wirtschaftliche Konsequenzen nach sich.

«Vereine müssen sich im Besonderen der digitalen Revolution stellen.»

Markus Freitag

Wie wahrscheinlich ist es, dass Vereine dereinst ganz verschwinden?

Vereine wird es weiterhin geben, weil das Vereinsengagement viele weitere Motive hat: Die Menschen wollen helfen, gemeinsam etwas unternehmen, die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten erweitern. Das Hauptmotiv der Mitglieder ist, neben dem Aspekt des Helfens, aber der Spass am Zusammensein mit anderen; insofern kann das Vereinsengagement zur Lebenszufriedenheit und zum persönlichen Glück beitragen. Was will man mehr?

Wie können die Vereine selber dieser Entwicklung von Überalterung und Mitgliederschwund entgegentreten?

Sie müssen sich im Besonderen der digitalen Revolution stellen. Hilfreich sind schon ein ordentlicher Internetauftritt und die Vernetzung auf sozialen Plattformen. Möglichkeiten gibt es ausserdem in der Lockerung von Machtstrukturen und Pflichten oder darin, Neumitgliedern mehr Mitspracherecht einzuräumen. Und nicht zuletzt müssen sie viel daran setzen, Angebote für junge Menschen zu schaffen – denn sie sind die Motoren der Vereine.

Interview: Sharon Saameli

Dieser Text ist am 25. April 2015 im Zürcher Unterländer erschienen.

Zur Person

Markus Freitag, geboren 1968, studierte Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Germanistik und ist Direktor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern sowie Inhaber des dortigen Lehrstuhls für Politische Soziologie. Er ist Autor zahlreicher Beiträge zum sozialen Zusammenleben in der Schweiz. Seine jüngsten Veröffentlichungen sind der «Freiwilligen-Monitor Schweiz 2016» (Zürich: Seismo) und «Das soziale Kapital der Schweiz» 2014 (Zürich: NZZ-libro). ssa 

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