Evelyne Binsack: Aufbruch ins ewige Eis

Für die Profibergsteigerin ist das Wagnis beinahe Alltag – auch bei der aktuellen Nordpolexpedition, dem Schlussakt ihrer kühnen Trilogie. Evelyne Binsack über den langen Weg zu einer langen Reise.

Fragen Sie einen Fisch, weshalb er im Wasser ist – und er wird ihnen einzig sagen können: Das Nasse ist mein Element. Fragen Sie einen Steinbock, warum er in den steilen Felsstufen zu Hause ist, und er wird sagen: Der Stein ist mein Element. Ganz ähnlich ist es bei mir; ich liebe die Extreme, weil sie meine Natur sind. Die raue Wildnis, sie ist mein Element. Es war auch nicht ich selber, die die drei Pole ausgewählt hat – vielmehr haben sie mich erwählt. Auch wenn manch einer mir hier keinen Glauben schenken will, genau so fühlt es sich an. «Die Drei Pole», bekannter im Englischen als «The Three Poles», sind die drei exponiertesten Punkte unserer Erde: Der höchste, der südlichste und der nördlichste. Der Gipfel des Mount Everest, der Südpol in der Antarktis und der Nordpol in der Arktis. 

«Auf die Gunst anderer Menschen angewiesen zu sein, das war eine schwierige Erfahrung.»

Evelyne Binsack

Bis ich diese extreme Herausforderung angetreten habe, ist viel passiert. Im Jahr 2000 habe ich die Berufshelikopterpiloten-Prüfung bestanden – Zeit, um Vollgas zu geben. Ich wollte als Jungpilotin aber nicht wie alle anderen frischgebackenen Berufspiloten VIP-Gäste vom Flughafen abholen und in ein glamouröses Skiresort transportieren. Mein Ziel war vielmehr, selber etwas zu schaffen – mit der Gründung einer eigenen Helikopterfirma. Rückblickend finanziell mehr als ein riskanter Plan, und zum Glück wehte mir so viel kalter Gegenwind entgegen, dass ich von meinem Plan abrücken musste. Ich war enttäuscht. Sehr enttäuscht. Auf die Gunst anderer angewiesen zu sein, auf Menschen, die mir den Weg versperrten, das war eine schwierige Erfahrung. Und so sagte ich mir, fast aus Trotz, dass ich jetzt wieder das tun will, was ich als Berufsbergführerin am besten kann. Nämlich bergsteigen. Nur nicht die Eigernordwand hoch, die hatte ich ja schon dreimal bezwungen. Und vor allem sollte es nicht irgendein Berg sein. Nein, es sollte der höchste sein, der Mount Everest. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass bis dahin noch keine Schweizer Frau erfolgreich war an diesem Berg. Ein paar Monate später reiste ich nach Tibet, um den höchsten Berg der Welt zu erklettern. Am 23. Mai 2001 stand ich auf dem Gipfel.

  • Der Mount Everest, das «Dach der Welt», ist das Erste Etappenziel von Evelyne Binsacks Trilogie.

Nach meiner Rückkehr vom Everest habe ich bemerkt, dass mein Kurzzeitgedächtnis nicht mehr so gut funktionierte wie davor. Es war eine Folge des geringen Sauerstoffpartialdrucks am Everest – dem Berg, der so hoch ist wie die Reiseflughöhe eines Jumbojets. Jeder Mensch reagiert anders in grossen Höhen. Aber ich wusste, dass mein Gehirn vermutlich mehr litt als andere, als Folge einer Asthmaerkrankung, die mich im Alter von zwei Jahren beinahe erstickt hätte. Anstatt mich also nach der Everest-Besteigung ins Wettrennen um die Achttausender zu stürzen – etwas, was um die Jahrtausendwende bei den Höhenbergsteigerinnen zunehmend beliebt wurde, wendete ich mich einem neuen Ziel zu, den beiden Polarregionen. 

«Diese Expedition hat mir beinahe das Leben gekostet. Und dennoch: Es sollte weitergehen.»

Den Südpol erreichte ich am 28. Dezember 2007, nachdem ich von zu Hause mit eigener Muskelkraft aufgebrochen war. 25000 zurückgelegte Kilometer, durch 16 verschiedene Länder und auf vier verschiedenen Kontinenten, mit Fahrrad, zu Fuss, mit Ski und Schlitten. Diese Expedition war das Anstrengendste, was ich bis dahin geleistet hatte. Und der Weg dahin war weit, sehr weit. 484 Tage waren nötig, um ans Ziel zu gelangen. Und die Expedition hätte mir beinahe das Leben gekostet. Trotzdem sollte es mit dem letzten der drei Pole, dem Nordpol, weitergehen. Es mag für Aussenstehende scheinen, als würde ich Trophäen sammeln. Natürlich hat der Nordpol eine besondere Anziehung auf mich, weil es nördlicher eben nicht geht. Und natürlich wirkt auch die Trilogie der Pole sehr anregend auf mich. Trotzdem, Hand aufs Herz: Es braucht mehr als ein Trophäendenken, um gewillt zu sein, bei minus 55 Grad tagtäglich in der wilden Natur unterwegs zu sein. Brüchiges Eis und darunter 4000 Meter Ozean, Eisbären, Kälte, Einsamkeit und viel Dunkelheit. Zwei Etappen habe ich schon hinter mich gebracht. Die Fahrradstrecke von rund 5000 Kilometern bis ans Nordkap und die Grönlandtraversierung auf Skiern, 500 Kilometer quer durch das Inlandeis. Aber diese Etappen waren eher Schulreise im Vergleich zu dem, was mich jetzt erwartet. 

  • Während mehr als einem Jahr hat sich Evelyne Binsack durch die Wildnis bis an den Südpol gekämpft.
  • Während mehr als einem Jahr hat sich Evelyne Binsack durch die Wildnis bis an den Südpol gekämpft.
  • Während mehr als einem Jahr hat sich Evelyne Binsack durch die Wildnis bis an den Südpol gekämpft.

Die nächste und letzte Etappe startet in Kürze. Und Ende April, so Gott will und wenn alles gut geht, erreiche ich den Nordpol. Alleine. Mit Sonne und Schatten, mit Wind und Kompass zu navigieren, habe ich gelernt. Auch zu schiessen. Und wie ich mich in der Kälte am besten bewege, um nicht zu erfrieren. Bei solchen Minustemperaturen ist sogar das Schnürsenkelbinden eine Herausforderung. Wie ich mich fühle, so kurz vor dem Aufbruch? Verletzlich natürlich. Denn weder eisige Kälte noch Eisbären sind Freunde des Menschen. Und wenn mich manch einer als Spinnerin abtut, dann hat er oder sie vermutlich vollkommen Recht. Aber ich habe mich für dieses Leben, für diese immer wiederkehrenden und riskanten Aufbrüche entschieden. Deswegen nenne ich die Expedition zum Nordpol «100% Commitment». Die hundertprozentige Zusage – zum Leben.

Zurück von der grossen Reise: Im Herbst macht sich Evelyne Binsack auf Referatstournee. Hintergründe und Tourdaten im Kanton Bern unter www.binsack.ch

Agenda

BEKB -Veranstaltungen

Aktueller Überblick und Anmeldung: bekb.ch/veranstaltungen

Konzerte des Jugendblasorchesters VBJ

3. November 2019, 10.15 Uhr, Congress Centre Kursaal, Interlaken
3. November 2019, 16.00 Uhr, KKThun, Thun
9. November 2019, Kongresshaus, Biel

BEKB-Pensionsplanungsanlässe

17. September 2019, centre de rencontre du siège BCBE, Bienne (französisch)
14. Oktober 2019, Hotel Restaurant Weisses Kreuz, Lyss 
16. Oktober 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz 
22. Oktober 2019, Turbensaal Bellach, Bellach 
23. Oktober 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Biel 
23. Oktober 2019, Schloss Hünigen, Konolfingen 
29. Oktober 2019, Bildungszentrum der BEKB, Liebefeld-Bern
5. November 2019, Saalbau, Kirchberg
13. November 2019, Hotel Interlaken, Interlaken Ost

Immobilien-Herbstmesse

31. Oktober bis 2. November 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz

St. Nicolas de la BCBE à Tramelan

4. Dezember 2019, BCBE Tramelan

Santarun Bern

29. November 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz