Komfortzone verlassen, Kuh getroffen

Als Bloggerin Linda vom Uni-Koller gepackt wurde, entschied sie sich für eine radikale Massnahme: eine Woche harte Arbeit auf dem Bauernhof statt über Büchern sitzen in der Bibliothek.

Der Sommer stand vor der Tür, und es schien klar, dass ich ihn auch dieses Mal zwischen meinem Job und Schwitzen in der Bibliothek verbringen würde. Meine Freunde schmiedeten Reisepläne, und ich fragte mich: Wann habe ich eigentlich zuletzt etwas gemacht, was ich noch nie getan habe?

Da stiess ich auf das Projekt www.bergeinsatz.ch der Caritas. Die Organisation vermittelt Leute, die sich für kurze Einsätze unentgeltlich zur Verfügung stellen und auf Bergbauernhöfen mithelfen, die in einer finanziellen oder personellen Notlage sind.

So traf ich im August irgendwo auf dem Scheltenpass auf «meine» Bauernfamilie: die Bäuerin, ihre zwei Kinder und deren Grosi. Der Vater der Familie ist vor einigen Jahren unerwartet verstorben, die Frau führt den Betrieb trotz gesundheitlichen Problemen nun alleine.

Nur nicht als verwöhnt erscheinen

In der ersten Nacht auf dem Hof schlief ich kaum. Ich wusste, es galt, sich in den ersten Tagen die Sporen abzuverdienen, und auf keinen Fall wollte ich als verwöhnte Studentin rüberkommen, die schon am ersten Tag verschläft. Die Bäuerin hatte mir bereits am ersten Abend Anekdoten aus ihren zahlreichen Erfahrungen mit freiwilligen Helfern erzählt. Manche seien bereits am dritten Morgen nicht mehr aus dem Bett gekommen, andere schon am ersten Abend wieder abgereist. Das Hof
leben war ihnen wahrscheinlich zu wenig romantisch.

Es war ein anderer Alltag, den ich da kennenlernte. Morgens stand ich um Viertel nach fünf auf und dirigierte die Kühe von der Weide in den Stall. Ein teilweise schwieriges Unterfangen auf der morgens stark befahrenen Passstrasse, aber auch wegen der ausgeprägten Charaktere der Kuhdamen.

Disteln bändigen

Ich half mit, Wiesen zu düngen, Zäune zu spannen, oder ich bin auf den Weiden herumgeklettert und habe Disteln geschnitten. Und ich lernte: Bäuerin zu sein, bedeutet vor allem Hingabe. Wer siebzehn Kühe und acht Kälber im Stall hat, fährt nicht ins Wellness-Wochenende oder macht eine Städtereise. Wann immer man abwesend oder auch krankheitshalber verhindert ist, muss man jemanden engagieren, der zwei Mal am Tag die Tiere versorgt. Sie sind das Einkommen der Familie. Man kann sie nicht einfach ein paar Tage stehen lassen wie eine angefangene Seminararbeit.

An mein Studium habe ich in dieser Woche kaum gedacht. Auch der Familie habe ich wenig darüber erzählt, erschien es mir doch auf einmal so abstrakt und theoretisch im Vergleich zu dem Leben auf dem Hof. Ich fand es viel interessanter, über das Schlachtgewicht von Kälbern oder die Milchpreise zu diskutieren. Für einen Liter Milch erhält man in der Käserei übrigens gerade mal 55 Rappen.

«Kinderarbeit» auf dem Hof

Beide Kinder der Familie haben von klein auf im Betrieb mitgeholfen. Sie stehen im Sommer auf den Matten, um zu heuen, und im Winter in der Hofeinfahrt, um Schnee zu schaufeln. Und obwohl sie in ihrer Kindheit vermutlich viel mehr mitarbeiten mussten als jedes Stadtkind, machen beide die Ausbildung zum Landwirt und wollen später den Hof weiterführen.

Ein gutes Zeichen, angesichts von über 1000 Bauernhöfen, die im Jahr 2014 in der Schweiz eingingen, unter anderem weil keine Nachfolger gefunden wurden. Auf meine Frage, ob er sich denn auf die Lehre freue, meinte der Sechzehnjährige: «Klar, das ist dann wie Sommerferien. Nur mit mehr Lohn!»

Kopf durchlüften garantiert

Obwohl ich nur eine Woche auf dem Hof verbrachte und danach meinen Muskelkater in der Badewanne pflegen konnte, war ich am Ende meines Einsatzes ein wenig stolz auf mich. Mich konnte man brauchen. Ich habe meine Komfortzone verlassen und mir bewiesen, dass ich auch körperliche Arbeit leisten und nicht nur theoretische Abhandlungen schreiben kann.

Ich würde dieses Projekt jedem weiterempfehlen, der sich sozial engagieren möchte. Eine eat-pray-love-mässige Selbstfindungserfahrung darf dabei man nicht erwarten. Ferien auf dem Bauernhof sowieso nicht. Aber eine Woche lang Mist vom Stallboden zu kratzen und frühmorgens die muhenden Kühe von der taubedeckten Weide zu holen, befreit die Gedanken mehr als jede Meditation.

Text: Linda Herzog

Dieser Text ist am 27.11.2015 auf NZZ Campus Online erschienen.

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