Im Halbdunkel ein volles Leben

Vor rund 20 Jahren findet in Bern erstmals eine Kirche eine neue Bestimmung – und er mit ihr eine Lebensaufgabe: Christoph Hoigné, Leiter des Kulturlokals La Cappella. Warum ein Macher aus dem Hintergrund auf einmal ganz vorne ist.

4500-mal singen, spassen und spotten sie sich über die Bühne. Und einem entgeht in diesen 20 Jahren fast nichts von dem, was die da oben tun – er steht hinter der Bar mit bestem Blick auf jene im Rampenlicht. In der Pause schenkt er hier aus, vorher um halb acht serviert er dem Künstler den doppelten Espresso gegen die Nervosität. Und noch früher kredenzt er ihm eine selbst gekochte Wildplatte mit allem, was dazugehört. Aber er ist nicht der Koch, auch nicht der Assistent oder der Praktikant – er, Christoph Hoigné, er ist in der La Cappella der Chef. «Ich bin jeden Abend hier, weil ich gerne hier bin.» Als Gastgeber will er sich zeigen, sich kümmern, die Fäden in der Hand halten, «denn ein wenig bin ich halt auch der Kontrollfreak».

Vor mehr als 40 Jahren hat der Berner nicht die geringste Ahnung, dass er einst Gastgeber in einem bedeutenden Kleinkunsttheater der Stadt sein sollte. Da ist er selber noch Gast in einer ihm neuen Welt – jener der Kabarettisten und Chansonniers der Sechziger- und Siebzigerjahre. Er wächst ohne Fernsehgerät auf, stürzt sich stattdessen auf die Platten von César Keiser, Franz Hohler oder der Berner Troubadours. «Die konnte ich bald alle auswendig.» Noch tiefer in die Szene der Bühnenkünstler stösst er als Fotograf und Journalist, später als Mitorganisator des Berner Altstadtfestes.

Und auf einmal hatte Christoph Hoigné sein eigenes Theater. Mit einem Konzept, das er sich zwischen Weihnachten und Neujahr in der Toskana ausdenkt, überzeugt er die verkaufswilligen Besitzer der Methodisten-Kapelle im Berner Breitenrain. Seit 1998 kennt man sie nun als La Cappella – das lauschige Kulturlokal für 180 Gäste, mittlerweile mit einem Namen weit über die Grenzen Berns hinaus.
 

  • Vor rund 20 Jahren wurde aus der ehemaligen Kirche im Berner Breitenrain ein Kulturlokal.

  • «Ein wenig bin ich halt auch der Kontrollfreak»: Christoph Hoigné hält als Gastgeber alle Fäden in der Hand.

  • Christoph Hoigné steht normalerweise hinter der Bar und geniesst von dort den besten Blick auf jene im Rampenlicht.

  • Die alte Kirche im «Breitsch» ist heute eines der bedeutendsten Kleinkunsttheater der Stadt Bern.

Suche nach Perlen

Noch heute sieht die ehemalige Kapelle aus wie damals. Und noch heute ist Christoph Hoigné begeistert von dem, was er mit diesem Haus auch anderen vermitteln wollte: der Faszination für die kleine, feine Bühnenkunst. Die Verbindung, die entsteht, wenn der Künstler beim Publikum ein Aha auslöst. In rund 250 Vorstellungen jedes Jahr will er viele dieser Momente ermöglichen – mit grossen Namen genauso wie mit Sternchen, die das Leuchten erst lernen müssen. «Es ist etwas vom Schönsten für einen Veranstalter, ein vielversprechendes Talent zu entdecken.»

Jemanden zu finden, der etwas ganz Neues macht, sei sehr selten. Aber der 52-Jährige findet die Innovatoren an den Künstlerbörsen in der Schweiz oder in Deutschland. «Ohne Rolf» ist eine dieser Perlen: Während die Szene am Konzept der gedruckten Dialoge auf Plakaten gezweifelt hat, so hat Christoph Hoigné das Duo sofort gebucht. Auch bei den Slam-Poeten Hazel Brugger und Christoph Simon war er einer der ersten, der ihnen für ihre Soloprogramme seine Bühne angeboten hatte. «Zwei Stunden quasi nackt, nur mit Text, auf der Bühne zu stehen, ohne Kostüme, Schminke, Musik oder Lichtshow, das ist grosse Kunst. Und es berührt mich, dass sich davon auch viele andere begeistern lassen.»

Dank für schwierigen Start

Für die grosse kleine Kunst im Berner Breitenrain-Quartier kommt das Publikum heute in Scharen. Den Erfolg honorieren mittlerweile auch andere: 2018 hat die Burgergemeinde Bern den Kulturmacher für sein Lebenswerk ausgezeichnet, ein Preis dotiert mit 100’000 Franken. Ein schöner Dank für so manche Mühsal in der Anfangszeit, als sich Christoph Hoigné mit 32 Jahren zum Theaterchef macht. Da gibt es Nachbarschaftsstreitigkeiten, ein Schliessungsbefehl, der letztlich nicht vollzogen wird, finanziell trübe Jahre. Für den Leiter der La Cappella ist klar: «Wenn ich zurückschaue, muss ich sagen, dass wir in den ersten zehn Jahren ziemliche Dilettanten waren.»

Die Unerfahrenheit war auch eine Stärke – denn da war umso mehr freier Platz fürs Herz. Von Anfang an pflegt Christoph Hoigné engen Kontakt zu seinen Künstlern. So entstehen Freundschaften. «Man besucht sich oder fährt sogar gemeinsam in die Ferien.»

Bis heute hält sich eine Tradition, die manchen Künstler den bevorstehenden Auftritt vergessen lässt: das gemeinsame Abendessen an der grossen Tafel im Dachstock. Der Theaterleiter oder ein Mitglied aus dem siebenköpfigen Team stellt sich an den Herd, sorgt fürs kulinarische Wohl der ganzen Truppe. Nicht selten entpuppt sich das Abendessen lediglich als Vorspeise zu einer langen Nacht. Bis vier Uhr morgens bei Wein und philosophischen Gesprächen zusammenzusitzen, das kommt vor – mehr noch: «Hart wird es, wenn es in einer Woche dreimal in Folge passiert.»

Aufgabe ohne Ende

Mit dem Kulturtempel La Cappella hat Christoph Hoigné seine Lebensaufgabe gefunden. Mit der Konsequenz, dass diese Aufgabe keinen Schlusspunkt kennt. Beruf und Privates gehen ineinander über, was für den Kleinkunstunternehmer das Normalste überhaupt ist: «Ich habe am Tag 24 Stunden zur Verfügung, und die füllen sich mit dem, was eben da ist.» Auch noch da sind seine Frau und die fünf Kinder. Familienzeit verbringen sie am Mittag und im Sommer, wenn der Theaterbetrieb zwei Monate lang pausiert.

Die Jüngsten haben an Papis Bühnenleben bereits Gefallen gefunden. «Das Kinderprogramm lassen sie sich nicht entgehen.» Etwas, das den Cappella-Gründer hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt. Denn die Kulturperle einmal weitergeben zu können, «so etwas wünscht sich jeder, der selber etwas aufgebaut hat». Für mindestens die nächsten 15 Jahre wolle er aber weiter vollen Einsatz leisten. Und auch danach wird er vom Zauber der Bühnenwelt nie ganz loskommen: «Mit der Kleinkunst habe ich gefunden, was ich mag, wo ich gut bin und was für mich Sinn ergibt. Da wäre es ziemlich dumm, damit aufzuhören.»

Gewinnen Sie «La Cappella»-Gutscheine!

Bei unserem Fotowettbewerb zum Thema «Freunde fürs Leben» haben Sie die Chance, einen von drei «La Cappella»-Gutscheinen im Wert von CHF 150.– (gültig für Eintritt und Barkonsumation) zu gewinnen. Erfahren Sie hier mehr.

Zur Person

Christoph Hoigné ist gelernter Journalist und Fotograf, früher tätig als Reporter für Tageszeitungen und als Herausgeber einer Fachzeitschrift. Seit letztem Jahr widmet er sich ohne Nebenbeschäftigungen ganz der Kleinkunst. Nach der Gründung der La Cappella im Berner Breitenrain-Quartier lebt er während sieben Jahren in der Dachwohnung über dem Theater. Heute ist er mit seiner Frau und den gemeinsamen vier Kindern in Wabern zu Hause.

Agenda

BEKB -Veranstaltungen

Aktueller Überblick und Anmeldung: bekb.ch/veranstaltungen

Konzerte des Jugendblasorchesters VBJ

3. November 2019, 10.15 Uhr, Congress Centre Kursaal, Interlaken
3. November 2019, 16.00 Uhr, KKThun, Thun
9. November 2019, Kongresshaus, Biel

BEKB-Pensionsplanungsanlässe

22. Oktober 2019, Turbensaal Bellach, Bellach 
23. Oktober 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Biel 
23. Oktober 2019, Schloss Hünigen, Konolfingen 
29. Oktober 2019, Bildungszentrum der BEKB, Liebefeld-Bern
5. November 2019, Saalbau, Kirchberg
13. November 2019, Hotel Interlaken, Interlaken Ost

Immobilien-Herbstmesse

31. Oktober bis 2. November 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz

St. Nicolas de la BCBE à Tramelan

4. Dezember 2019, BCBE Tramelan

Santarun Bern

29. November 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz