«Wer sich nicht bewegt, wird bewegt»

Stillstand hat in Reto Padrutts Leben keinen Platz. Fast alle zwei Jahre erfindet er sich neu. Im Alter von 48 Jahren hat er sich an der Universität Fribourg eingeschrieben; als Volkswirtschaftsstudent.

Zahlenmensch Reto Padrutt überrascht mit einem hohen Grad an Flexibilität. «Wer glaubt, das System passe sich dem einzelnen Menschen an, der irrt sich», ist er überzeugt. «Das Individuum muss aktiv werden.» Nach diesem Credo lebt er. Erfolgreich! In seiner gesamten Berufslaufbahn ist er ständig in Bewegung. Kaum mehr als zwei Jahre verharrt er in einer Funktion. «Lebenslanges Lernen ist mir wichtig», so der 60-Jährige. «Nur durch das Erlernen neuer Fähigkeiten kommt man vorwärts.» Kaum zu glauben, dass der ursprüngliche Berufswunsch dieses ehrgeizigen Mannes nicht in Erfüllung gegangen ist: «Ich wollte Lehrer werden. Mein Französisch hat dafür jedoch nicht ausgereicht.» Den Mangel hat er später dank dem Militärdienst und mit Sprachkursen in Frankreich beseitigt.

Während eines Bankbesuchs mit seinem Vater verliebt sich der junge Padrutt schliesslich spontan in die Finanzwelt. Von der Neugier getrieben, entscheidet er sich für eine Lehre beim Schweizerischen Bankverein in Bern: «Ich wollte die Dynamik der Weltwirtschaft verstehen; wollte wissen, warum es Wirtschaftszyklen gibt, unter welchen Bedingungen ein System kollabiert.»


Erfahrungen sammeln

Die Welt lernt man nur kennen, wenn man in die Welt hinaus zieht. Nach einer militärischen Ausbildung zum Quartiermeister möchte Reto Padrutt in die USA. Nur, die Welt steckt in einer Rezession, die Banken sind zurückhaltend mit dem Entsenden von Expats. Padrutt streckt seine Fühler aus: Ein Zeitungsinserat des Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) weckt seine Aufmerksamkeit. Gesucht werden Aspiranten für den Kanzleidienst im Diplomatischen Korps. Spontan meldet sich Padrutt für die Aufnahmeprüfung an – und besteht. 1984 findet er sich plötzlich in Manila wieder. «Das philippinische System war mir völlig fremd», erzählt der Weitgereiste heute. Der Kanzleisekretär-Stagiaire erlebt die Philippinen als ein Land mit sehr freundlichen Menschen aber mit grossen gesellschaftlichen Gegensätzen. Nach der Ausbildung kehrt er für die Schlussprüfung nach Bern zurück. «Mit einem Hochschulabschluss hätte ich mich zur Aufnahmeprüfung für angehende Diplomaten angemeldet», ist Padrutt heute überzeugt. «Der Kanzleidienst hingegen hat mich zu wenig begeistert. Ich gab diesen Weg auf.»

Im Alter von 27 Jahren schreibt er sich an der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule (HWV) in Bern ein, um drei Jahre später den Abschluss in Fachrichtung Marketing zu machen. Danach findet er eine Anstellung als Anlageberater für institutionelle Kunden bei der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA). Sein Arbeitgeber ermöglicht ihm, nach der Einarbeitungszeit, den Besuch eines bankinternen Kaderausbildungslehrgangs in New York City mit anschliessenden Stages bei verschiedenen Tochtergesellschaften der SKA in der Finanzmetropole. «In New York lernte ich das harte Business kennen.» Nach der Ausbildung reist er mit seiner damaligen Freundin, seiner heutigen Frau, während fast dreier Monate durch den Norden Amerikas. «Wir brauchten eine Auszeit.»

1993 kehrt er in die Schweiz zurück. Nach relativ kurzer Funktion als Stellvertreter des Abteilungsleiters der Anlageberatung für institutionelle Kunden bei der SKA in Bern übernimmt Padrutt – auf Wunsch des Marktgebietsleiters – das Controlling für die Regionen Bern, Solothurn, Oberwallis. Nach eineinhalb Jahren muss er den Platz räumen. Die Projektleitung, welche die Integration der Schweizerischen Volksbank in die SKA vorantreibt, bietet den Schlüsselpersonen im Projekt die freie Jobwahl an. Der frühere Controller will an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Padrutt wechselt als Produktmanager ins Private Banking und bezieht ein Büro am Paradeplatz. Als sich 1997 Nachwuchs ankündigt, ist für den werdenden Vater klar: So will er nicht weitermachen, nicht mehr täglich von Bern nach Zürich pendeln.


Sich immer wieder neu erfinden

Er findet bei der Valiant Privatbank AG eine neue Herausforderung. Acht Jahre bleibt er seiner neuen Arbeitgeberin treu, sieben davon in leitender Funktion. Er wechselt nur innerhalb der Bank seine Stelle, hilft die Bank aufzubauen. Bis er schliesslich – mit 48 Jahren – im Zuge einer Neuorganisation die Bank verlässt.

Er erfindet sich ein weiteres Mal neu: 2006, unmittelbar nach Einführung des Bologna-Prozesses in der Schweiz, schreibt er sich als Student an der Universität Fribourg ein. Sein Hauptfach: Volkswirtschaft. Im Teilzeitpensum schreibt er für die BEKB die Jubiläumsschrift «175 Jahre Berner Kantonalbank AG – Die Jahre 1985 bis 2009».

2011 lässt er sich als Chefökonom anstellen. Täglich trägt er Daten zusammen und füllt damit grosse Excel-Tabellen ab, verfasst und veröffentlicht quartalsweise den «Berner Konjunkturspiegel» und erstellt Analysen für die Geschäftsleitung und den Verwaltungsrat. «Heute findet man alle Daten im Internet», erklärt Padrutt. «Das Internet hat mich abgeschafft und ich habe mich wieder erfolgreich neu erfunden; inzwischen habe ich ja Erfahrung damit.» Er schmunzelt. 2013 gehts zum nächsten Job. Padrutt professionalisiert mit einem Mitarbeiter das Gebiet Global Macro (Globale Volkswirtschaft) für das Portfolio Management. Im November 2014 übernimmt er die Leitung des Bereichs Handel / Kapitalmarktfinanzierungen; die Abteilung Financial Institutions kommt später dazu. Im Juni 2018, nach elf Jahren und acht Monaten BEKB, tritt er in den lange im Voraus geplanten Ruhestand.


Updates an Hard- und Software

Heute ist Reto Padrutt 60 Jahre alt. Er gilt offiziell als frühpensioniert. Dies ist möglich, weil er vor geraumer Zeit sein Haus verkauft und einen Teil des Erlöses während mehrerer Jahre in die Pensionskasse einbezahlt hat. «Damit habe ich Freiheit und Flexibilität gewonnen.» Zeit, langsam etwas herunterzufahren? Nur temporär, weil ihn derzeit eine komplizierte Schulterverletzung dazu zwingt. Aber sonst? Nein. «Nur wer trainiert, bleibt fit!», davon ist Padrutt überzeugt. Er arbeitet regelmässig an seinem Körper und an seinem Geist, das sind für ihn «Updates an Hard- und Software», und betont: «Wer sich nicht bewegt, wird bewegt.»

Die Pläne für die Zukunft sind gemacht: Aktuell prüft Padrutt, ob er eine Dissertation schreiben kann. Falls es mit dem Doktorat nicht klappen sollte, hält er bereits den Plan B bereit: «Ich werde mich weiter täglich mit der globalen Volkswirtschaft und der Weltpolitik beschäftigen.» Die Weltwirtschaft ist Padrutts Leidenschaft. Die brennende Neugier, die ihn als Jugendlichen in die Finanzwelt eintauchen liess, hat er bis heute behalten.

Zur Person

Der Ökonom Reto Christian Padrutt lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in der Stadt Bern. Seine Hobbys sind die Familie, die Finanzmärkte, die globale Volkswirtschaft und Weltpolitik sowie Sport (Fitness im Kraftraum, Fahrradfahren). Bei stundenlangen Spaziergängen in der Natur findet er seine innere Ruhe.

Agenda

BEKB -Veranstaltungen

Aktueller Überblick und Anmeldung: bekb.ch/veranstaltungen

BEKB-Nachhaltigkeitstage

27.–29. August 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz

BEKB-Familientage

1. September 2019, Reconvilier

BEKB-Pensionsplanungsanlässe

10. September 2019, Centre culturel Le Royal, Tavannes (französisch)
17. September 2019, centre de rencontre du siège BCBE, Bienne (französisch)
14. Oktober 2019, Hotel Restaurant Weisses Kreuz, Lyss 
16. Oktober 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz 
22. Oktober 2019, Turbensaal Bellach, Bellach 
23. Oktober 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Biel 
23. Oktober 2019, Schloss Hünigen, Konolfingen 
29. Oktober 2019, Bildungszentrum der BEKB, Liebefeld-Bern

Konzerte des Jugendblasorchesters VBJ

9. November 2019, Kongresshaus, Biel