So klingt Bern

Bern ist das, was wir sehen. Was passiert, wenn wir einmal nur hören? Daran forscht Britta Sweers, Professorin für Musikethnologie. Warum für sie der Klang von Bern das Zeug zu einem Ohrwurm hat.

Frauen und Männer lachen, ein Musikant zieht fröhlich vorbei. Kinder juchzen, Wasser plätschert. Was eine Parkanlage abseits vom Stadtzentrum sein könnte, liegt in Wahrheit mittendrin. Es ist der lebendige Sound des Bundesplatzes in Bern. Und er ist einer, der für Bern und die Schweiz symptomatisch steht, wie Britta Sweers glaubt. Während in den Regierungsvierteln anderer Hauptstädte entweder Stille herrscht oder nur militärische Fanfaren erklingen, so tönt es in Bern nach Volk und Leben. «Die gelebte Demokratie ist auch über die Ohren fassbar.»

«Dieser Mix von urbanen und natürlichen Klängen macht Bern ziemlich einzigartig.»

Britta Sweers

Nach Jahren des Forschens kennt Britta Sweers mittlerweile das Klangbild Berns. Auf einem Rundgang durch die Stadt zeigt sie charakteristische Plätze und Orte. Sie führt hinüber zur Treppe, die den Bundesplatz mit der Bundesterrasse verbindet. Hier steckt bereits die nächste akustische Besonderheit. Mitten auf den steinernen Stufen wechselt auf einmal die Geräuschkulisse. Hört man erst urbane Klänge wie die vorbeifahrenden Busse, so tritt man zwei Stufen weiter unten in die Ruhe. Pulsierende Innenstadt gegen äussere Natürlichkeit. «Wenn ein Ort zwei gegensätzliche Klangbilder hat, nennen wir das einen akustischen Kipppunkt», erklärt Britta Sweers. «Von diesen finden wir in Bern mehr als in anderen Städten.»


Die gebürtige Norddeutsche forscht seit mehreren Jahren am Klangbild Berns. Womit sie sich befasst, steht seit einiger Zeit weit oben auf der Agenda der Öffentlichkeit. Ein Reizwort etwa: Lärm im urbanen Raum. «Bisher hat aber das geeignete Vokabular gefehlt, um sich darüber zu verständigen.» Mit ihrer Forschung will Britta Sweers einen Grundstein legen und zeigen, wie Klänge, Mensch und Natur interagieren. «Es geht dabei erst einmal nicht darum zu werten.» In den Soundscape einer Stadt – ein anderes Wort für eine städtische Klanglandschaft – lässt sie alle Geräusche ungefiltert einfliessen, die es dann zu beschreiben gilt.


Beliebte historische Klänge

Ein typischer Bern-Klang lässt sich einige Meter weiter unten entdecken, auf der Kirchenfeldbrücke. Das metallische Rattern des Trams, das über die zusammengesetzten Gleise fährt. «Das ist einer der historischen Klänge, die die Bernerinnen und Berner stark mit ihrer Stadt verbinden», weiss Britta Sweers. Gerade die Altstadt biete eine Fülle an historisch gewachsenen Klängen. Darunter fallen die Kirchen, Türme und ihre Uhren, allen voran der Zytglogge. Auch das Abrollgeräusch auf dem Kopfsteinpflaster ist aus Bern nicht wegzudenken.


Dazu kommen die plätschernden Brunnen oder das 700-jährige Klangjuwel hinter dem Münster: die Mattetreppe mit ihren Holzstufen. Viele dieser Bauwerke hat sich die Professorin der Universität Bern mit ihren Studierenden genauer angeschaut. «Wir wissen etwa, dass jede der oberen Holzstufen beim Betreten eine andere Tonhöhe hat.»


Ein Student habe ausserdem festgestellt, dass jeder Brunnen seinen eigenen Klang hat. Das genaue Hinhören ist wesentlich für Britta Sweers Arbeit. Um seinen typischen Klang einzuordnen, besucht sie jedes Objekt mehrmals, zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten. Eine Herausforderung ergibt sich dann, wenn das Gehörte in eine Beschreibung übersetzt werden soll. «Klingt Brunnen X dumpf oder eher hart? Das ist gar nicht so einfach festzuhalten.»


Tonleiter über drei Stufen

Wie ein einzelnes Objekt klingt, ist das eine. Wie aber beeinflusst es den Sound einer ganzen Stadt? Im Laufe ihrer Forschung hat Britta Sweers Bern in drei Klangebenen unterteilt. Die Altstadt, Sammelbecken für historische Klänge, markiert eine Ebene. Eine weitere findet sich am Fuss der Stadt, an der Aare, und in ihren tief gelegenen Wohnquartieren. Hier dominieren natürliche Klänge. Je nach Standort dringt kaum etwas vom urbanen Stadtlärm durch – stattdessen Vogelgezwitscher, Schafsglocken und Wasserrauschen. Charakteristisch das Gebiet um das Schwellenmätteli. «Das Wasser nimmt man hier in hoher Lautstärke wahr. Ein Beispiel dafür, dass wir laut nicht unbedingt mit unangenehm gleichsetzen.»


Die dritte Klangebene markiert jenen Raum, der über der oberen Altstadt liegt: die höher gelegenen Wohnquartiere samt dem Gurten. Sie bilden den Resonanzkörper für das vielfältigste – und wohl überraschendste – Klangerlebnis in Bern. Urbane Stadtgeräusche, gespeist von Mensch und Verkehr, mischen sich mit einem ländlichen Sound. Zu erleben nicht nur auf dem Gurten, sondern auch im Berner Westen. In unmittelbarer Nähe des Westside, des Inbegriffs der städtischen Konsumkultur, reiht sich Bauernhof an Bauernhof. «Dieser Mix von urbanen und natürlichen Klängen macht Bern ziemlich einzigartig», weiss Britta Sweers.

«Bern bietet eine gute akustische Klangkulisse, und das bedeutet letztlich Lebensqualität.»

Britta Sweers

Oft existierten diese Klänge nicht nur nebeneinander, sie würden zum Teil ineinander übergehen. Zum Beispiel beim freigelegten Stadtbach in der unteren Altstadt. «Wer hier die Augen schliesst, weiss im ersten Moment nicht, ob er sich in der Stadt oder an einem Dorfbach wähnen soll.» In Bern ist es zudem fast an jedem Ort möglich, einzelne Klänge herauszuhören. Gerade für eine Hauptstadt sei das nicht unbedingt typisch, weiss Britta Sweers: «Oft haben wir es mit einem gleichförmigen Soundteppich zu tun, der das Hören eher unangenehm macht.» Bern – eine Stadt also, in der Ohrwurmpotenzial steckt? Durchaus, findet die Klangforscherin: «Bern bietet eine gute akustische Klangkulisse, und das bedeutet letztlich Lebensqualität.»

Marc Perler

Klangtipp am Bundesplatz

Bern klingt überall. Nicht nur auf den Gassen und historischen Plätzen – manches Klangjuwel findet sich innerhalb der Mauern. Zum Beispiel im Hauptsitz der BEKB am Bundesplatz. Die grosse Empfangshalle ist akustisch besonders interessant, wie die Musikethnologin Britta Sweers ausführt: «Die Architektur mit ihrer hohen Decke versieht alle Klänge mit einem angenehmen Hall.» Wer die Empfangshalle durchschreitet, trifft ausserdem auf einen sogenannten akustischen Kipppunkt. Gut hörbar erst das Surren der Deckenlüftung und das Klappern am Münzzählautomaten, wechselt die Klangkulisse zwei Schritte weiter: Die Lüftung verstummt, stattdessen kommen das Stimmengemurmel und das Geschirrklirren aus dem integrierten Café auf.

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