Vor lauter Bäumen den Wald wieder sehen

Im Wald spazieren? Das war gestern. Heute wird darin gebadet. Der Trend aus Japan hat unlängst den Weg in unsere Wälder gefunden und verspricht unter anderem natürlichen Stressabbau. Was Waldbaden noch bewirkt und weshalb dazu keine Badehose nötig ist, erläutert Sonja Grossenbacher aus Konolfingen. Als Wald-Achtsamkeitstrainerin bietet sie Waldbaden für Einzelpersonen und Gruppen an.

Waldbaden hat nichts mit Wasser zu tun. Oder doch?
Zumindest hat es nichts mit Bikini und Sprudelwasser zu tun. Mit Wellness hingegen schon – im Sinne von Erholung für Körper und Seele. In Japan, wo der Ursprung des Waldbadens liegt, spricht man von «Shinrin-Yoku», übersetzt «Bad in der Atmosphäre des Waldes». Es geht also darum, den Wald auf eine intensive Art und Weise zu erleben und mit allen Sinnen wahrzunehmen. Da kann auch Wasser im Spiel sein, zum Beispiel beim Lauschen des Waldbachs. Vorneweg: Bäume umarmen ist erlaubt – aber keineswegs ein fester Bestandteil des Waldbadens.

Wo liegt der Unterschied zum Waldspaziergang? Will Waldbaden gelernt sein?
Waldbaden ist ein Spaziergang, aber nicht nur. Hinzu kommen Achtsamkeits- und spannende, naturbezogene Übungen. Sinnvoll ist daher sicher ein Kennenlernen: Was ist Waldbaden überhaupt, welche Übungen gibt es, welche sprechen mich an? Wie kann ich mich auf die Natur einlassen, sie erleben? Dazu muss ich nicht zwingend einen Workshop besuchen. Er kann aber den Anstoss geben, den Wald neu kennenzulernen. Ob einem dieses Erlebnis alleine oder in der Gruppe mehr zusagt, ist von Person zu Person unterschiedlich.

«Vorneweg: Bäume umarmen ist erlaubt – aber keineswegs ein fester Bestandteil des Waldbadens.»

Sonja Grossenbacher

Reicht es, einfach im Wald zu sitzen? Oder gibt es Regeln?
Zunächst die wichtigste Regel: Es gibt keine Regeln! Und: Waldbaden erfordert weder grosse körperliche noch geistige Anstrengung. In erster Linie geht es um Erholung, Genuss und Entschleunigung. Es kann reichen, sich auf eine Bank zu setzen. Wichtig ist, den Fokus bewusst auf die Natur zu richten. Wer sich auf das konzentriert, was er sieht, hört, riecht und fühlt, tut sich etwas Gutes. Und atmet ganz nebenbei die mit heilsamen pflanzlichen Wirkstoffen angereicherte Waldluft ein. Durch gezielte Übungen können diese Wirkstoffe, sogenannte Terpene, besser aufgenommen werden. Ein Fest für unser Immunsystem!

Der Wald soll so die Abwehrkräfte stärken, den Blutdruck senken, Diabetes bekämpfen, Stresshormone abbauen. Was sagt die Wissenschaft dazu?
Längere Aufenthalte im Wald haben nachweisbar einen positiven Einfluss auf uns Menschen. Das haben wissenschaftliche Studien mehrfach belegt. Sie ersetzen keine medizinische Behandlung, unterstützen aber den Heilungserfolg. In Japan ist Waldbaden eine anerkannte Stress-Management-Methode und fester Bestandteil der Gesundheitsvorsorge. Ob das in der Schweiz auch noch kommt – wer weiss? Sicher ist, dass Waldbaden rund um den Erdball an Bedeutung gewinnt.

«Waldbaden hat nichts mit Bikini und Sprudelwasser zu tun.»

Sonja Grossenbacher

Wem empfehlen Sie ein Bad im Wald?
Grundsätzlich jeder und jedem. In unserer schnelllebigen Zeit fühlen wir uns oft gestresst und erschöpft, der Wald bietet uns eine naheliegende und sehr vielfältige Erholungsmöglichkeit. Wieso sollten wir diese nicht nutzen? Einen ausgiebigen Spaziergang mit allen Sinnen auf Empfang empfehle ich übrigens auch präventiv: am Mittag oder Feierabend kurz eintauchen, den Alltag am Waldrand stehen lassen.

Wie sind Sie zum Waldbaden gekommen?
Ich habe durch die Medien davon erfahren, und mein erster Gedanke war: Das ist ja nichts Spezielles. Aber dann hat mich trotzdem die Neugier gepackt. Heute kann ich mich im Wald total vergessen, entdecke Eichhörnchen, lausche dem Vogelgezwitscher und dem Bach – plötzlich höre ich verschiedene Melodien. Der Aufenthalt im Wald verhilft mir immer wieder zu Inspiration, Ideen und Lösungen. So schliesse ich den Kreis zu meiner Kindheit: Im Emmental, wo ich neben einem Wald aufgewachsen bin, war dieser mein Spielplatz. Das Studium, den Umzug in die Stadt und mein grosses Engagement im Sportbereich haben mich den Wald und seine Wirkung etwas vergessen lassen. Jetzt habe ich ihn wieder für mich entdeckt und gebe diese positive Erfahrung gerne weiter.

Maria van Harskamp

Zur Person

Sonja Grossenbacher

Ursprünglich Ski- und Blindenskilehrerin, trainiert und coacht Sonja Grossenbacher seit über zehn Jahren Menschen in den Bereichen Sport, Business, Schule und Studium, Musik und Kunst wie auch im normalen Alltag. Waldbaden ist ein Teil ihres Angebots und richtet sich an Einzelpersonen genauso wie an Privatgruppen und Firmen. Zur Resilienz- und Wald-Achtsamkeitstrainerin hat sie sich in Deutschland an der Hochschule SRH Riedlingen in Kooperation mit der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg ausbilden lassen. Zu ihren Lieblingsplätzen gehören der artenvielfältige Hohwald in Konolfingen sowie die Gantrischregion.

www.waldbaden-erlebnis.ch


SRF-2-Kultur-Moderatorin Beatrice Kern kriegt von Sonja Grossenbacher eine Einführung ins Waldbaden. 

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BEKB-Konzertreihe – Jugendblasorchester VBJ

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1. November 2020, Kultur- und Kongresszentrum Thun

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