Wenn Grün plötzlich Gelb ist

Synästhetiker/innen verknüpfen Zahlen oder auch Töne automatisch mit einer Farbe. Aber was genau ist Synästhesie? Eine Erkrankung, eine Störung? Oder vielleicht doch eine Begabung?

Der Montag ist gelb. Und dünn, irgendwie länglich, ganz klar rechteckig. Besonders sympathisch ist er nicht, ja sogar etwas arrogant, überheblich und egoistisch. Und männlich, wie alle Wochentage. Ausser dem Freitag. Alles klar? Für die meisten wohl nicht. Nachvollziehbar ist das nur für knapp vier Prozent der Bevölkerung. Sie gehören zu den Synästhetikerinnen und Synästhetikern.

Synästhesie heisst so viel wie Mitempfinden. «Es ist eine Variation des menschlichen Erlebens», erklärt Prof. Dr. Beat Meier von der Universität Bern, der das Phänomen seit Jahren untersucht. «Ein Reiz, der normalerweise nur einen Sinn aktiviert, generiert ein zusätzliches Erlebnis. Verschiedene Sinne, die ansonsten losgelöst funktionieren, werden miteinander verknüpft.»
 

Konsistent und automatisch

Welche Sinne verbunden werden, hängt ganz von der Art der Synästhesie ab. So sieht eine Person mit der bisher besterforschten Graphem-Farb-Synästhesie den Buchstaben A vielleicht rot. Bei der Sequenz-Raum-Synästhesie sehen die Betroffenen zum Beispiel Zahlen in einer ganz spezifischen räumlichen Konfiguration. Bei der Ton-Farb-Synästhesie lösen Klänge Farberlebnisse aus. Dann gibt es noch verschiedenste weitere Arten, die aber seltener vertreten sind und von der persönlichen Lebenssituation abhängen. «Für meine Studie habe ich sogar mal zwei Schwimmer begleitet, bei denen die verschiedenen Schwimmstile jeweils ein anderes Farberlebnis auslösen», erzählt Meier. Interessant. Und bunt. Wie aber weiss ich, dass solche Empfindungen nicht aus einer Laune heraus entstehen? Wer den Montag hasst, neigt vielleicht dazu, diesen schwarz zu sehen. Den Sonntag dafür gelb und strahlend? Meier erklärt: «Ein Indikator ist sicher die Konsistenz. Die Synästhesie beginnt meist in der Jugend, die Erlebnisse bleiben das ganze Leben über dieselben. Wenn der Montag also gelb ist, bleibt er es auch.» Zentral ist auch, dass das Erlebnis unkontrolliert, automatisch passiert und nicht gesteuert werden kann. Zudem sind die Erlebnisse idiosynkratisch, das heisst für jede Person anders.
 

Angeboren oder antrainiert?

Was passiert im Hirn, wenn bei einem Reiz nicht zuständige Bereiche involviert sind? «Studien zeigen, dass bei der Graphem-Farb-Synästhesie die beiden Areale, welche die Grapheme beziehungsweise Farben verarbeiten, stärker verknüpft sind als bei Personen, die nicht davon betroffen sind», erzählt Beat Meier. Andererseits ist aber die Plastizität unseres Gehirns, also die Begabung, sich zwecks Optimierung immer wieder neu zu verknüpfen, relativ gross. Gut möglich, dass die Erfahrung, das Erlebnis selbst, die Hirnstruktur mit der Zeit verändert. «Es ist nicht ganz klar, ob die etwas andere Hirnstruktur Ursache oder Wirkung ist», so der Professor für kognitive Psychologie, Wahrnehmung und Methodenlehre. Die Geschichte mit dem Huhn und dem Ei also. Relativ gesichert ist die Erkenntnis, dass die Synästhesie angeboren ist. «Neueste Studien zeigen sogar, dass die Synästhesie in der DNA festgeschrieben ist.» Aber auch wenn man die Voraussetzung dafür in die Wiege gelegt bekommt, ist die Welt nicht automatisch bunter – um Synästhesie auszulösen, braucht es kulturelle Artefakte wie beispielsweise die Sprache. Das heisst, es ist immer auch eine Lernkomponente involviert. «Wahrscheinlich gibt es eine kritische Phase. Wer hier die Prädestination besitzt und die zentralen Erfahrungen macht, schafft Verknüpfungen, die ein Leben lang halten.»

«Das Wort Grün ist für mich ganz klar gelb – das mag für manche wohl ganz schön seltsam klingen.»

Christine Rosatti


Von der Behinderung zur Begabung

So weit zur Definition. Was aber heisst das für Betroffene? Wie gestaltet sich das Leben mit Synästhesie? Bei einem Treffen mit Christine Rosatti erfahren wir mehr. Sie ist mittlerweile pensioniert und wurde ihr Leben lang von der Graphem-Farb-Synästhesie begleitet. Das Gespräch findet um grün-rot, also um 15.30 Uhr, statt. Die Fünf im hellen Tannengrün dominiert zusammen mit der roten Drei. Die schwarze Eins und die wolkig-blasse Null gehen dabei etwas unter. So jedenfalls beschreibt Rosatti die Uhrzeit. Wer hier jetzt nicht mehr ganz folgen kann, den überrascht die nächste Aussage sicher noch mehr: «Das Wort Grün ist für mich ganz klar gelb – das mag für manche wohl ganz schön seltsam klingen», erzählt sie. Das erste Mal bewusst wurde der studierten Heilpädagogin diese Besonderheit im Gymnasium. Während andere nach dem Namen des stellvertretenden Lehrers suchten, kam Christine schnell darauf: «Ein Name im schönen Blau-Rot, Herr Schmassmann! Meine Mitschülerinnen und -schüler schauten mich etwas besorgt an, schoben das Ganze auf den Maturitätsstress. Ich wiederum war ganz erstaunt, dass Namen für die anderen farblos sind.» Später bei der Berufsberatung musste sie den Buchstaben N aus einem Text herausstreichen – und war in null Komma nichts fertig. «Ich musste den Text nicht lesen, konnte einfach alle N farblich hervorheben. Die Beraterin war etwas ratlos und meinte, ich sei wohl eine dieser wenigen Personen mit Synästhesie, was sie als leichte Behinderung betitelte. Heute spricht man zum Glück eher von einer Begabung», schmunzelt Rosatti. Prof. Dr. Beat Meier sieht darin sogar enormes Potenzial: «Die Synästhesie ist extrem spannend für die Forschung. Solche Verknüpfungen können helfen, komplexe Inhalte besser zu erfassen. So ist es möglich, visuelle in taktile Informationen umzuwandeln. Ein eigens entwickeltes Gerät, das Bilder in Berührungen auf der Zunge umwandelt, liefert beispielsweise vielversprechende Ergebnisse, um Blinden wieder einen Sehsinn zu vermitteln.»

«Ich wiederum war ganz erstaunt, dass Namen für die anderen farblos sind.»

Christine Rosatti


Namen nach Farben

Trotz der schroffen Einordnung der Berufsberaterin erlebt Christine Rosatti die Synästhesie als positiv: «Während des Gymnasiums konnte ich mir so vieles einfacher merken.» Die starken Verknüpfungen sorgen dafür, dass gewisse Inhalte besser abgerufen werden können. Es gibt aber auch Einschränkungen. So war Rosatti bei der Namenswahl ihrer Kinder nicht ganz so frei. Der Vorname musste farblich schliesslich zum Familiennamen passen. Die eine Tochter, selbst Synästhetikerin, ist damit nicht ganz so zufrieden. «Sie ordnet die Farben ganz anders zu. Sie kann meine Wahl ästhetisch nicht nachvollziehen», erzählt ihre Mutter schmunzelnd. «Heute», so Rosatti weiter, «verblassen die Farben teilweise. Nur noch die klaren, eindeutigen Farben bleiben gleich.» Das Gespräch neigt sich langsam dem Ende zu. Zum Schluss verrät mir Christine Rosatti aber noch die Farben meines Namens: L = Braun, A = Rot, U = Gelb, R = Orange, A = Rot. Wie schön!

Laura Marti

Machen Sie den Synästhesietest!

Zahlen, Tage oder Wörter sehen Sie farbig? Töne lösen Farberlebnisse bei Ihnen aus? Dann sind Sie vielleicht auch Synästhetiker/in. Machen Sie jetzt den Onlinetest unter synaesthesie.unibe.ch.

Abenteuer riecht nach püriertem Gemüse

Der Engländer James Wannerton ist Synästhetiker. Er hat, was sich «lexical-gustatory synaesthesia» nennt: Die meisten Wörter verursachen Gerüche. So riecht für ihn das Wort «Abenteuer» nach püriertem Gemüse, der Name «David» löst den Geschmack von Stoff aus, das Wort «absolut» schmeckt nach Mandarinen. Als Präsident der UK Synaesthesia Association kommt es regelmässig vor, dass er vor Publikum spricht. Das kann für ihn ganz schön anstrengend werden. Nicht selten muss er kleine Verschnaufpausen einlegen, um etwas frische Luft zu schnappen. Aber auch im Privatleben sind für ihn gut riechende Wörter essenziell: Die intensiven Geruchserlebnisse sorgen sogar dafür, dass sich Wannerton keine Partnerin vorstellen könnte, deren Name schlechte Gerüche in ihm auslöst.

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