Der Stoff, aus dem Geschichten sind

Agnieszka Woś Jucker konserviert und untersucht historische Textilien. Bunte Kostüme und uralte Socken erlauben ihr einen Einblick in die menschliche Geschichte.

Mit Lupe und Fadenzähler bewaffnet, schaut sich Agnieszka Woś Jucker das Gewebe ganz genau an. Die Textilkonservatorin ist einer Geschichte auf der Spur. Die Fäden – manchmal bunt, manchmal ausgeblichen – erzählen ihr so einiges über das jahrhundertealte Kostüm, das da vor ihr auf dem Tisch liegt. «Den eindeutigsten Hinweis auf das ursprüngliche Kolorit des Kleidungsstücks finde ich in einer Naht», verrät die 50-Jährige. «Dort hat die Originalfärbung, geschützt vor Licht, die Jahrhunderte am ehesten überdauert.» Woś’ Interesse gilt aber auch Flicken, Abänderungen, Rissen und Fehlstellen im Stoff. Mit welcher Technik wurde dieses Kostüm hergestellt? Wer hat es getragen? Warum wurde es ausgebessert? Gibt es historische Belege zu seiner Reise durch die Jahrhunderte? Fein säuberlich notiert sie alle gewonnenen Erkenntnisse und Vermutungen in ihrem Bericht. «Detektivarbeit.» Die Konservatorin schmunzelt.
 

Färbung auf Probe

An einer Restaurierungsarbeit sitzt Agnieszka Woś je nach Zustand und Grösse des Objekts wenige Tage bis mehrere Monate. Am Anfang stehen immer ausführliche Material- und Technikanalysen sowie eine Zustandserfassung und eine Schadenskartierung. Löcher, Risse und andere Mängel werden bei der Textilrestaurierung nicht einfach vernäht. Die Konservatorin hinterlegt die Fehlstellen mit neuem, eingefärbtem Stoff. «Es ist gar nicht so einfach, den richtigen Farbton zu treffen», erklärt Woś. «Manchmal haben die Textilien Flecken und sind nicht überall gleich stark ausgeblichen. Auch die Lichtreflexion von historischem Textil und neuem Unterlagsstoff unterscheidet sich.» Es braucht oft zwischen 10 und 20 Probefärbungen, bis die Farbe optisch wirklich passt. «Es hilft, ein gutes Auge für Farbnuancen zu haben. Trotzdem bleibt diese Arbeit aber ein Ausprobieren.»

  • Agnieszka Woś Jucker arbeitet seit sechzehn Jahren als Textilkonservatorin/-restauratorin in der Abegg-Stiftung.

  • Mit der Lupenbrille kontrolliert Agnieszka Woś Jucker ihre Arbeit an einem Seidenkaftan aus dem 9.–10. Jahrhundert.

  • Die Fehlstellen im Kaftan sind grossflächig mit einem neuen, passend eingefärbten Stoff unterlegt.

Viele kleine Puzzleteilchen

Agnieszka Woś arbeitet seit 16 Jahren im Textilkonservierungsatelier der Abegg-Stiftung (siehe Infobox). Gemeinsam mit elf Kolleginnen und fünf Studierenden kümmert sie sich in erster Linie um die hauseigene Textilsammlung und die textile Ausstattung der Villa Abegg. Besonders gerne untersucht die gebürtige Polin Kostüme: «Die prunkvollen Kleider der Renaissance wurden über die Jahrhunderte angepasst, verändert und umfunktioniert. In einem solchen Stück stecken ganz viele kleine Puzzleteilchen der Menschheitsgeschichte.» Eine Restaurierung kann dementsprechend unterschiedliche Ziele haben: Geht es darum, das Objekt möglichst im ursprünglichen Zustand zu erhalten? Oder soll seine Geschichte – die Abänderungen und Flicken der Jahrhunderte – bewahrt werden?

Die Expertinnen der Abegg-Stiftung führen auch Beratungs-, Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten für öffentlich-rechtliche Körperschaften in Amtshilfe aus. Über einen solchen externen Auftrag kam Woś an das für sie beeindruckendste Untersuchungsobjekt ihrer bisherigen Karriere: eine einfache, einzelne Socke aus Leinenstoff. Sie stammte aus Ägypten und wurde auf das 14. Jahrhundert vor Christus datiert.

Text: Barbara Zesiger
Bilder: © Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Christoph von Viràg)

Die Abegg-Stiftung

Die Abegg-Stiftung hat sich dem Sammeln, Erhalten und Erforschen von historischen Textilien verschrieben. Sie liegt etwas ausserhalb des Ortes Riggisberg in den Berner Voralpen. Dort befinden sich das Museum für Textilien und angewandte Kunst, das Wohnmuseum «Villa Abegg» und die wissenschaftliche Bibliothek. Das Atelier für Textilkonservierung und -restaurierung ist gleichzeitig Studienort für angehende Fachkräfte. Die von der Abegg-Stiftung herausgegebenen Bücher und Drucksachen vermitteln die Resultate und Erkenntnisse der Forschung zur Geschichte der textilen Künste an ein Fachpublikum und an interessierte Laien. Die jährlich wechselnden Sonderausstellungen bieten jeweils neue Einblicke in ein Material, das die Menschheit als alltägliches Gebrauchsgut ebenso wie als exquisites Kunstwerk seit Jahrtausenden begleitet.

www.abegg-stiftung.ch

Sonderausstellung: «Tafelfreuden – historische Leinendamaste»
25. April bis 7. November 2021

In der nächsten Sonderausstellung der Abegg-Stiftung wird es alles andere als bunt. Gezeigt wird weiss in weiss gemusterte Tischwäsche aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Es geht aber auch um die Gewinnung von Leinenfäden aus Flachs und um die Tafelkultur der damaligen Zeit. Welche Darstellungen sind auf den Tischtüchern, Handtüchern und Servietten zu finden? Wie, wo und für wen wurden sie hergestellt? Die Tischwäsche diente der Repräsentation. Diese Tischwäsche war oft teurer als alle anderen Gegenstände auf einer festlichen Tafel.

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