Farben sind die beste Einladung

Keiner zu klein, ein Kunstkenner zu sein: Das Kindermuseum Creaviva im Zentrum Paul Klee macht sich diese Aufgabe zu eigen und lässt Kunst und bunte Kinderwelt zueinanderfinden.

Wenn Kinder die Welt sehen, dann sehen sie in erster Linie Farben. Es kann für sie nicht bunt genug sein. Wie in den Räumen im Untergeschoss des Zentrums Paul Klee. Auf grossen Tablaren reiht sich Farbtube an Farbtube, Böden und Tische sind vollgekleckert und ergeben ein Mosaik aus Farbresten. «Das ist nicht bloss eine Kulisse», sagt Katja Lang, «hier darf und soll man richtig bunt sein.» Die Atelierleiterin des Kindermuseums Creaviva empfängt hier Sprösslinge, die oft ihre ersten Erfahrungen mit der Kunst machen.

Ohne Farben geht hier nichts. Sie verleihen dem Werk seinen Ausdruck, sind aber auch Mittel zum Zweck. «Kinder haben von Beginn weg eine starke Affinität zu Farben», so Katja Lang, «die lässt sich auch als Eingangstor nutzen, um sich vertiefter mit Kunst zu beschäftigen.» Dabei gilt nicht je bunter, desto besser. Die Museumspädagogin hält die junge Besucherschaft dazu an, am Anfang lediglich drei Farben zu wählen. Damit kurbelt sie die Kreativität erst so richtig an, denn durch das Mischen der drei Farben entstehen ganz neue Farbtöne. «Und manchmal ermöglicht ja auch erst die Reduktion, bunt zu sein.» Jeder, der schon einmal zu viele Farben zusammengemischt hat, weiss: Am Ende sitzt man vor einem Grau.

«Bunt zu sein, ermöglicht manchmal erst die Reduktion.»

Kunst zum Anfassen

Kinder an grosse Kunst heranzuführen – für Katja Lang und ihr Team ist das fast schon eine leichte Aufgabe. «Manche Schulklassen sind hier so still und konzentriert, wie die Lehrer sie noch nie erlebt haben.» Gründe dafür gibt es einige. Da sind die hohen Atelierräume, die eine ganz eigene Atmosphäre kreieren, manche/r Jungkünstler/in ist zudem von den hochwertigen Materialien fasziniert. Und es ist die Herangehensweise, die den Einstieg für die Kinder so einfach macht. Es wird gemalt, geritzt, schabloniert oder gestempelt – aber nicht nur. Das Gestalten ist verwoben mit Geschichtenhören, Spielen und haptischen Erfahrungen. «Wir wollen jedes Kind dort abholen, wo es ist», erklärt Katja Lang, «ansonsten bleibt Kunst etwas Fremdes.»

Die gestalterischen Aufgaben, die sich die Museumspädagogen ausdenken, haben immer einen Bezug zu Paul Klee oder einem/einer der ausgestellten Gastkünstler/innen. Ausgangslage ist ein bestimmtes Werk oder eine Technik. Dem Original begegnen die Kinder aber erst, nachdem sie ihre eigenen künstlerischen Fantasien ausgelebt haben. «Wir wollen kein Abzeichnen fördern», so Katja Lang. Gerade der finale Gang durchs Museum sei oft der schönste Moment des Kurses. «Da kann man staunen, vergleichen und sich mit dem Künstler/der Künstlerin verbinden.»
 

  • Katja Lang lässt in einem Atelier Kinder in die Kunstwelt Paul Klees eintauchen.

  • Hinter seiner Glasfassade lockt das Kindermuseum Creaviva mit wechselnden Ausstellungen.

  • Eine der letzten Ausstellungen hatte «Farben wagen» zum Thema.

  • Teil eines jeden Kurses ist die Begegnung mit dem Original im Museum.

  • In den Kinderateliers sind der Fantasie und den Materialien keine Grenzen gesetzt.

Bunt als Phase

Ob Workshops für Schulklassen oder offene Ateliers, die fast täglich stattfinden – das Kindermuseum Creaviva bietet viele Möglichkeiten, um Kunst zu erfahren. Die wechselnde Kundschaft lässt sich auch an den Kursresultaten ablesen. «Je jünger die Kinder sind, desto bunter ihr Werk», so Katja Lang. Mit steigendem Alter nehme der Blick fürs Detail zu, man werde fokussierter, verliere manchmal vielleicht den Mut.

Diese Entwicklung sei ein normaler Vorgang eines jeden künstlerischen Prozesses. «Als Künstler durchlebt man Phasen, auch was den Einsatz von Farbe betrifft.» Das merke sie auch bei sich, wenn sie nebenher ihre eigene Kunst mache, dezente Farben seien aktuell dominant. «Schade ist es nur, wenn man für immer im Grau verharrt.» Man dürfe die Buntheit verlieren, solle sie aber auch wieder ausleben können. Das lasse sich trainieren, etwa indem man bewusst neue Wege einschlage.

«Man darf die Buntheit verlieren, soll sie aber auch wieder ausleben können.»

Späte Farbenblüte

Das Kindermuseum Creaviva im Zentrum Paul Klee macht die Welt der Farben auch ausserhalb der Ateliers erlebbar – etwa in seinen frei zugänglichen und interaktiven Ausstellungen. Eine der letzten hat sich explizit des Themas «Farben wagen» angenommen. Fünf begehbare Holzkuben haben dazu eingeladen, die Farbwelt auf besondere Art zu erleben. Wie tönt das Blau? Was macht das Rot? Ein Komponist hat eigens dafür verschiedene Klangteppiche entworfen – zum mystischen Blau etwa oder zum wilden Rot.

Farben wagen – es war nicht nur das Motto einer Ausstellung, sondern auch eine Herausforderung, der sich Paul Klee stellen musste. Der in Bern geborene Künstler war anfangs Zeichner und Grafiker, der sich allein für den schwarzen Strich interessiert hat. «Eine Reise nach Tunesien hat für ihn vieles verändert», weiss Katja Lang. Die neue Kultur, die andere Architektur, die Sonne, das intensive Licht – das hat ihm schliesslich die Aussage entlockt: «Die Farbe hat mich.» Fortan hat sich Paul Klee als Maler begriffen und sich dem Spiel der Farben lustvoll hingegeben. Eine Entdeckung, die seine zweite Lebenshälfte geprägt hat. Davor hatte sich ihm diese Chance nie eröffnet. Denn da waren die bunten Experimentierateliers von Katja Lang noch nicht erfunden.

Text: Marc Perler
Titelbild: © Philipp Zinniker

Zur Person

Seit der Eröffnung des Zentrums Paul Klee 2005 widmet sich Katja Lang als künstlerische Leiterin des integrierten Kindermuseums Creaviva den Kunstaspirant/innen. Ein Museumsbesuch in Dänemark hatte ihr zuvor einen neuen Blick auf die Kunst ermöglicht: dass Kunst besser zu verstehen ist, wenn man sie vom hohen Sockel holt. Vor ihrer Zeit bei Creaviva hat Katja Lang als Zeichenlehrerin gearbeitet. Nach wie vor widmet sie sich ihrem eigenen künstlerischen Schaffen.

BEKB Förderfonds:
Kunst auf andere Art erleben

Das Kindermuseum Creaviva im Zentrum Paul Klee lässt Kinder und Familien auf attraktive Weise in die Welt der Kunst eintauchen – ein Anliegen, das der BEKB am Herzen liegt. Für die nächsten vier Jahre unterstützt der BEKB Förderfonds die interaktiven Ausstellungen als Partner. Noch bis Ende April zu erleben gibt es «Fernweh» – eine Gedankenreise in die Welt von Paul Klee, die auch zum handfesten Gestalten einlädt.

Weitere Infos und aktuelle Öffnungszeiten (Corona) finden Sie auf der Website des Kindermuseums Creaviva.

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