Ungewohnt wohnen

Von den eigenen vier Wänden träumen viele. Darin in einer bunten Gemeinschaft zu wohnen, eher nicht. Sarah Widmer schon. Die Bernerin hat mit ihrer kleinen Familie eine grosse Familie gefunden.

Es hätte ziemlich ruhig werden können an diesem sonst so belebten Fleck in Urtenen. Ein altes Bauernhaus, das leer steht, das eingebaute Restaurant, das nicht mehr betrieben wird. Aber dann kam Sarah Widmer mit ihrer Familie. Und mit ihr vier weitere Familien. Jetzt sind es 27 Menschen, davon 6 Kinder, die dem Fachwerk-Bauernhaus neues Leben einhauchen. Und es so viel Trubel erleben lassen wie seit dem Bau um 1755 wohl noch nie.

Mehrere Familien, die ein grosses Haus bewohnen – entsteht daraus am Ende eine Grossfamilie? Eigentlich ja, findet Sarah Widmer. «Wir sind mehr als eine WG. Eine Wahlfamilie trifft es recht gut.» Die Menschen, die sich hier im Berner Mittelland gefunden haben, suchen die Gemeinschaft, ohne auf Individualität ganz zu verzichten. Das Haus bietet grosse Gemeinschaftsflächen, aber auch sieben Wohneinheiten mit je einer einfachen Teeküche.
 

Gelebter Traum

Mittendrin lebt Sarah Widmer mit ihrem Partner und ihrer gemeinsamen Tochter. Eingezogen sind sie letzten Oktober, nachdem das Bauernhaus einen komplett neuen Innenausbau erfahren hat. «In einer grösseren Gemeinschaft zu wohnen, ist für uns drei aber nicht neu», so die gebürtige Könizerin. Vorher haben sie mit rund zehn Gleichgesinnten in Bolligen gelebt. Sarah Widmer und ihr Partner erst als Paar, bis ihre heute dreijährige Tochter zur Welt gekommen ist.

«Wir sind eine Wahlfamilie, nicht nur eine Wohngemeinschaft.»

«Wir haben aber immer davon geträumt, etwas Eigenes zu haben und nicht zur Miete zu wohnen», erzählt die freiberufliche Musikerin. Nach langer Vorbereitungszeit hat das Haus in Urtenen diesen Plan Realität werden lassen. Hier leben alle aus der vorigen Gemeinschaft, dazugekommen sind viele weitere Interessierte, ihre Wünsche und ihre Eignung wurden sorgsam abgeklärt. Denn was nicht funktionieren würde, ist ein eigennütziges Nebeneinander. «Die Lust darauf, Geselligkeit zu erleben, ist sicher wichtig», so Sarah Widmer.

Das Wohnmodell abseits der Kleinfamilie sei nicht zuletzt ein grosser Gewinn für die Kinder. «Sie wachsen offener auf, lernen Dinge anders kennen.» Für ihre Tochter sei es eine solche Selbstverständlichkeit, dass in den Ferien zu dritt schon mal die Frage aufkomme: Und wo sind jetzt die anderen? Bereichernd sei auch der bunte Mix der Generationen. Von wenigen Monaten bis zu 65 Jahren reicht die Altersspanne der Bewohnerschaft. Das führe zu einem wechselnden Rollenverständnis. «Die Kinder haben sozusagen immer ein Grosi in ihrer Nähe.» Auch Sarah Widmer selbst schätzt diesen Austausch. «Wo sonst würde ich mit einem 16-Jährigen in der Küche stehen und mehr über seine Sicht auf die Dinge erfahren?»

  • Ein altes Bauernhaus in Urtenen beherbergt eine besondere Wohngemeinschaft.

  • Gemeinsam Zeit verbringen – ein wichtiges Anliegen der bunten Bewohnerschaft.

  • Viel Arbeit steckt im Urtener Wohnprojekt, das bis zum Dach einen Totalumbau erfahren hat.

  • Wohnen und Nachhaltigkeit zu verbinden, liegt den Bewohnern am Herzen.

Von vielem weniger

Was viele hier eint, ist der Wunsch nach Reduktion. Warum soll eine einzige Familie ein Haus bewohnen, das Platz für mehrere bietet? Mit Platz und Raum nachhaltig umzugehen, sei ihr wichtig, sagt Sarah Widmer, «und dass wir teilen, statt pausenlos anzuschaffen». Ein Bohrer für 25 Köpfe genügt, drei bis vier Autos ebenfalls. Zudem mache die Gemeinschaft alltägliche Herausforderungen kleiner. «Es ist meistens jemand da, der spontan auf unsere Tochter aufpassen kann», so die Sängerin, die wie ihr Partner, ebenfalls Musiker, nur unregelmässige Arbeitszeiten kennt.

In vielem ist die Urtener Wohngemeinschaft so wie ein anderer Haushalt. Tagsüber ist es in den Wohnräumen auch einmal still – wer im erwerbsfähigen Alter ist, geht seinem Job nach oder studiert. Und wer da ist, packt an, wo es etwas anzupacken gibt. «Nur muss bei uns nicht jede Person alles machen», erzählt Sarah Widmer, «alle bringen sich dort ein, wo sie am meisten bewirken können.» Dazu hat die Gemeinschaft verschiedene Arbeitsgruppen gebildet – etwa für Küche, Gartenarbeit oder IT.

«Die Kinder wachsen in einer grossen Gemeinschaft offener auf.»

Sie persönlich wolle in Zukunft darauf hinwirken, kulturelle Veranstaltungen ins Haus zu holen. Und sie managt gemeinsam mit ein paar anderen die Lebensmittelvorräte. «In unserem Keller sieht es zuweilen aus wie in einem Lädeli.» Wenn Hausarbeit sich auf viele Köpfe verteilt, hat das praktischen Nutzen. Es bleibt genug Zeit für eigene Bedürfnisse, die Eltern-Kind-Beziehung erhält viel Raum. «Ich kann mich vielem intensiver hingeben, als wenn ich den kompletten Haushalt allein schmeissen würde», so Sarah Widmer. Gleichzeitig seien aber die einzelnen Aufgaben intensiver. «Wenn ich für 20 Leute koche, bin ich einen halben Tag dran.»

Ausserdem koste es viel Zeit, wenn sich die Gemeinschaft über konkrete Fragen oder Anschaffungen einig werden müsse. «Wir können manchmal echt lange diskutieren», sagt die 33-Jährige und lacht, «wir wollen nicht die Mehrheit bestimmen lassen, sondern den Konsens suchen.» Den wichtigsten hat die bunte Wahlfamilie längst gefunden: dass Wohnen neue Perspektiven eröffnet – jenen, die den Mut haben, mit Gewohntem zu brechen.

Text: Marc Perler

Zur Person

Sarah Widmer (33), aufgewachsen in Köniz mit drei Geschwistern, ist Sängerin und hat Ausbildungsjahre in Luzern, Rostock und Zürich verbracht. Heute hat sie ihre eigene Familie um eine grosse Familie erweitert: Dazu zählen ihr Lebenspartner, der Singer und Songwriter Christoph Trummer, die gemeinsame Tochter Emilia sowie eine bunte Gemeinschaft aus über 20 Gleichgesinnten.

Mehr zum familienübergreifenden Wohnprojekt in Urtenen erfahren Sie auf der Website der Gemeinschaft.

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