Homeschooling: Mut allein reicht nicht

Thirza Schneider unterrichtet ihre Kinder zu Hause. Der Entscheid zum Privatunterricht fiel wohlüberlegt und hat trotzdem viel Mut gekostet. Heute ist die Mühlethurnerin Präsidentin des Vereins Bildung zu Hause Bern.

Thirza Schneider bereist als junge Frau Grossbritannien und die USA. Mit 28 Jahren engagiert sie sich in Kirgistan für ein Strassenkinderprojekt. «Ich habe viel gesehen und erlebt», erzählt die heute 48-Jährige. «Nichts hat mich so viel Mut gekostet wie der Entscheid, meine Kinder selbst zu unterrichten.»

Der Entschluss fiel 2014 wohlüberlegt: Die Mutter von zwei Kindern hatte sich im Vorfeld sehr gut informiert und war sich der Verantwortung, die sie für die schulische Entwicklung ihres Nachwuchses übernehmen würde, voll bewusst. «Privat zu unterrichten ist kein Zuckerschlecken», betont Schneider, die heute Präsidentin des Vereins Bildung zu Hause Bern (siehe Infobox) ist. «Es bedeutet über lange Zeit einen grossen Aufwand und verlangt viel Pflichtbewusstsein.»


Von Bewunderung bis Kritik

Manche Menschen bewundern den Mut von privatunterrichtenden Eltern. Sätze wie «Ich würde mich das nie trauen» und «Ich wünschte, ich hätte deinen Mut» hat Thirza Schneider in den letzten Jahren häufiger gehört. Ihre Familie wurde aber auch immer wieder kritisiert: Besonders häufig wird die Befürchtung geäussert, dass Kinder im Privatunterricht nicht richtig sozialisiert würden. Dem widerspricht Schneider entschieden: «Das Gegenteil ist der Fall. Ich leite immer wieder Lager für Homeschooling-Kinder und erlebe sie alle als überdurchschnittlich sozial.» Es gebe keine Gruppenbildung, keine festgefahrenen Rollen, keinen Ausschluss aufgrund von Kleidung oder sonstigen Vergleichbarkeiten. Darüber wundert sich Schneider nicht, denn: «Es gibt tausend Möglichkeiten, seinen Kindern auch im Homeschooling den Kontakt zu anderen zu ermöglichen.»

Auch die fehlende Benotung und die damit verbundene Angst, die privatunterrichteten Kinder würden den Anschluss an die weiterführende Bildung nicht finden, sind wiederkehrende Kritikpunkte. Sie kenne keine Jugendlichen, die nicht den gewünschten Beruf hätten ergreifen können, erzählt Thirza Schneider. «Viele von ihnen wissen schon sehr früh, welchen Weg sie gehen möchten, und arbeiten gezielt darauf hin.» Ihre eigene Tochter will nach dem gestalterischen Vorkurs Grafikerin werden. Ihr Sohn hat sich die Informatiklehre zum Ziel gesetzt. Da viele Lehrbetriebe Zeugnisse mittlerweile als unvergleichbar einstufen, stützen sie sich auf eigene Tests oder den Multicheck. Hier können auch Jugendliche ohne Noten zeigen, was sie bis jetzt gelernt haben.
 

Bewusster Entscheid statt Kurzschlussreaktion

Infolge der Pandemie und der damit zusammenhängenden Massnahmen sind bei der Erziehungsdirektion des Kantons Bern in den letzten Monaten ungewöhnlich viele Gesuche für Privatunterricht eingegangen. Das macht Thirza Schneider etwas Sorgen: «Mit dem Homeschooling sollte man nicht als Kurzschlussreaktion beginnen», findet die Mühlethurnerin. Auch wenn es für Eltern, die sich schon länger mit der Möglichkeit auseinandersetzen, ihren Nachwuchs selbst zu unterrichten, ein Nachteil ist; Schneider begrüsst, dass man sich im Kanton Bern gut vorbereiten und mit dem Lehrplan auseinandersetzen muss, um eine Bewilligung zu bekommen. Ein Hin und Her zwischen Privatunterricht und Volksschule wäre für die Kinder mit viel Stress verbunden. «In ihrem Sinn sollte der Entscheid fürs Homeschooling ganz bewusst und vor allem auch langfristig gefällt werden. Mut allein reicht nicht, um diesen Weg einzuschlagen.»

Interview und Text: Barbara Zesiger
 

Verein Bildung zu Hause Bern

Der Verein Bildung zu Hause Bern wurde 2019 gegründet, um Berner Familien zu vernetzen, die sich für die private Beschulung entschlossen haben.

Im Kanton Bern besteht eine Bewilligungspflicht für private Schulung. Die Rahmenbedingungen dazu sind auf der Website der Erziehungsdirektion Bern als Merkblatt erhältlich. Aktuell dauern die Wartefristen bis zur Bewilligung zwischen 3 und 6 Monate.

Hinweis: Die Bedingungen für die Bewilligung zum Privatunterricht unterscheiden sich kantonal stark.

Zur Person: Thirza Schneider

Thirza Schneider ist gelernte Journalistin und Sozialpädagogin und lebt mit ihrer Familie in Mühlethurnen. Ihre Kinder wurden ab der 1. bzw. 2. Klasse zu Hause unterrichtet; aktuell befinden sie sich im (vor-)letzten Homeschooling-Jahr. Ihre langjährige Erfahrung im Bereich Privatunterricht (Homeschooling) gibt Thirza Schneider als Präsidentin des Vereins Bildung zu Hause Bern und in ihrem Blog weiter. Sie engagiert sich in der Flüchtlingshilfe und hat gerade eine Weiterbildung zur Traumaberaterin abgeschlossen. Ausserdem gibt sie Kindern online Englischunterricht und bietet auch andere Onlinekurse für Kinder an.

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