Eine Lektion «Glück»

Zuerst Deutsch, dann Geometrie, gefolgt von Geschichte – und nach der grossen Pause gibt es Unterricht in «Glück». Wie Jugendliche dank dem etwas anderen Schulfach zu einem gelingenden Leben finden sollen.

Glück ist Glückssache – aber nicht nur. Wie stark der Mensch dazu fähig ist, Glück zu empfinden, bestimmen zu 50 Prozent die Gene. Resultate amerikanischer Hirnforscher zeigen aber auch: 10 Prozent der Lebenszufriedenheit hängen vom sozialen Umfeld ab und 40 Prozent von der inneren Einstellung. Es ist dieser dritte Faktor, die Erkenntnis, dass Glück lernbar ist, dem sich Marina Berini verschrieben hat. Als eine der ersten Schweizerinnen unterrichtet sie Schülerinnen und Schüler in Glück. Wie sie dabei vorgeht und weshalb manche Schweizer dennoch skeptisch sind, verrät sie im Interview.

  • Das erste Schweizer Gymnasium mit Glücksunterricht: Die Schülerinnen des Theresianums Ingenbohl in Brunnen (SZ) lernen über praktische Übungen.

Marina Berini, Sie unterrichten Glück als Schulfach. Haben Sie Ende Schuljahr jeweils ein Klassenzimmer voller glücklicher Schüler?
Wie viel ich erreichen kann, hängt natürlich von der Zeit ab, die zur Verfügung steht. Glücksunterricht findet häufig in Form von Projektwochen statt. Was ich machen kann, ist, Impulse zu setzen und Möglichkeiten aufzuzeigen. Glück zu lernen, ist vielmehr ein lebenslanger Prozess. Auch ich selbst, nach mehreren Jahren als Lehrerin und Dozentin, muss mich auf dem Weg zum Glück immer wieder hinterfragen.

Was verstehen Sie denn unter Glück?
Glück ist erst mal nur ein kurzer, euphorischer Zustand. Wenn ich viele von diesen Momenten aneinanderreihe, entsteht im Rückblick etwas wie Lebenszufriedenheit – sie ist die grosse Schwester des Glücks. Diese Zufriedenheit kann ich erreichen, wenn ich ein selbstbestimmtes Leben führe, Kompetenz erlange, irgendwo zugehörig bin, Sinn erfahre und Krisen positiv nutze.

Sind Kinder und Jugendliche besonders empfänglich, wenn es darum geht, Glück zu lernen?
Ja, gerade Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren sind ja auf der Suche – nach sich selbst, nach passenden Idolen und Idealen. Das Problem ist, dass viele Jugendlichen ihre Stärken nicht kennen. Wenn ich aber nicht weiss, wer ich bin – woher soll ich dann wissen, was mich glücklich macht? Es geht darum, den jungen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und mit ihm gemeinsam an einem Konzept für ein gelingendes Leben zu arbeiten.

Wie kann ein solches Konzept aussehen?
Am Anfang des Unterrichts stehen vier Fragen. Was kann ich? Welche Werte sind mir wichtig? Wohin will ich? Und: Was mache ich, um meine Ziele zu erreichen? Schritt für Schritt lernen die Schüler, darauf Antworten zu finden. Das passiert, indem ihnen der Unterricht Schlüsselerlebnisse ermöglicht, die zu positiven Erfahrungen führen. Diese stärken die Persönlichkeit.

Böse Zungen könnten von Pädagogik mit Hang zum Esoterischen sprechen.
Nein, damit hat es gar nichts zu tun. Grundlage meiner Arbeit sind wissenschaftliche Erkenntnisse, in den Unterricht fliessen etwa Elemente der Positiven Psychologie und der Motivationspsychologie ein. Drei deutsche Universitäten werten die Ergebnisse des Glücksunterrichts aus.

«Lernen funktioniert nicht nur über Denken, es gehören auch Handeln, Fühlen und Erleben dazu.»

Marina Berini

Sie wollen für die Schüler also positive Schlüsselerlebnisse schaffen. Wie gehen Sie vor?
Das passiert über praktische Übungen. Fürs Lernen genügt es nicht, zu denken, man muss auch handeln, fühlen und erleben. Negative Glaubenssätze können Sie nur über praktische Erfahrungen überwinden. Für alle Aspekte des Glücks, von Selbstachtung, Empathie bis zum Optimismus, gibt es wirksame Übungen.

Wie sieht das in Ihrem Unterricht konkret aus?
Nehmen Sie das Gefühl der Dankbarkeit. Dankbar sein zu können, ist ein zentraler Faktor für das Glücksempfinden. Ich bitte meine Schüler etwa, eine Lebenslinie mit für sie bedeutenden Ereignissen aufzuzeichnen. Diese Ereignisse sollen sie mit Menschen verbinden, die sie dabei gefördert und unterstützt haben. Am Ende picken sie einen Menschen aus ihrer Lebenslinie heraus und schreiben ihm einen Dankesbrief. Daraus entstehen sehr bewegende Momente. Übungen wie diese klingen vielleicht banal, entfalten aber eine grosse Wirkung.

Zum Glück gehört auch, Vertrauen fassen zu können. Wie packen Sie das in den Unterricht?
Ich lasse die Schüler eine Menschenkette bilden. Sie stehen sich in zwei Reihen gegenüber, strecken ihre Arme aus, jedoch ohne sich zu berühren. Ein Schüler lässt sich schliesslich aus erhobener Position in das Meer aus Armen fallen. Für die, die auffangen, bedeutet das eine riesige Verantwortung – und schliesslich Stolz, wenn ihnen der Springer Vertrauen schenkt. Der, der sich fallen lässt, freut sich, dass er die Angst überwunden hat. So wie der 90 Kilogramm schwere Grossvater, der sich an einem Besuchstag einst in viele zarte Mädchenarme geworfen hat. Da musste sogar ich erst leer schlucken, aber es hat geklappt!

«Krisen gehören zum Leben – genau wie das Lernen, erfolgreich zu scheitern.»

Marina Berini

Sie unterrichten «Glück». Müssen die Schüler nicht auch lernen, dass das Leben harte Zeiten mit sich bringt?
Doch, natürlich. Krisen gehören zu jedem Leben dazu, und das muss im Unterricht zur Sprache kommen. Was kann ich machen, um gestärkt aus einer Krise hervorzugehen? Solche Fragen stehen im Zentrum. Auch wie man lernt, erfolgreich zu scheitern. Wie kann ich den Kurs korrigieren, um zum Erfolg zurückzufinden?

Glück als Schulfach ist vor allem in Deutschland breit akzeptiert. In der Schweiz scheint die Begeisterung noch weniger gross.
Das ist so. Allein in Deutschland steht Glück mittlerweile auf dem Stundenplan von etwa 300 Gymnasien. In der Schweiz wächst die Nachfrage langsam, und wenn, dann an pädagogischen Hochschulen. Dass es bei uns etwas harzt, hat auch damit zu tun, dass es noch kein gemeinsames Verständnis vom Sinn des Glücksunterrichts gibt. Ausserdem haben die Lehrer mit dem neuen Lehrplan 21 bereits an vielen Baustellen zu kämpfen.

Weshalb ist das Interesse gerade an pädagogischen Hochschulen grösser?
Weil die angehenden Lehrkräfte der Schlüssel sind. Stellen Sie sich vor, Ihr Lehrer ist ein rigoroser Pessimist. Wie soll er Ihnen als Schüler dann etwas wie Optimismus und Humor näherbringen? Manche Einstellungen sind nicht jedem gegeben, und das müssen sie ja auch nicht. Vieles kann man aber trainieren.

Sie sind also überzeugt von Ihrem Glücksunterricht?
Sicher. Wenn ich sehe, was ich bewirken kann, bin ich häufig die glücklichste Person, wenn ich das Klassenzimmer verlasse. Aber natürlich profitieren in erster Linie die Schüler. Das zeigen unsere Auswertungen. Der Klassengeist ist häufig schon nach relativ kurzer Zeit besser, das Verständnis füreinander steigt, auch das Selbstvertrauen des Einzelnen.

Zur Person

Marina Berini ist Coach für gewaltfreie Kommunikation und Teammitglied des Fritz-Schubert-Instituts in Heidelberg (D), das Schulen bei der Einführung des Fachs Glück unterstützt. Als Dozentin leitet sie Lehrgänge und Workshops zum Thema Glück, dies an zahlreichen Berufs- und Mittelschulen sowie an Gymnasien in Deutschland und in der Schweiz. Marina Berini lebt in Zürich.

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Aktueller Überblick und Anmeldung: bekb.ch/veranstaltungen

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3. November 2019, 16.00 Uhr, KKThun, Thun
9. November 2019, Kongresshaus, Biel

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29. Oktober 2019, Bildungszentrum der BEKB, Liebefeld-Bern
5. November 2019, Saalbau, Kirchberg
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31. Oktober bis 2. November 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz

St. Nicolas de la BCBE à Tramelan

4. Dezember 2019, BCBE Tramelan

Santarun Bern

29. November 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz