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Pickeln an der Wissensmauer

Wer wir sind und welche Geheimnisse die Welt vor uns verbirgt: Kaum etwas hält uns mehr in Atem als die Suche nach neuem Wissen. Und doch stossen wir dabei immer wieder an Grenzen. Warum es gut ist, diese Grenzen zu kennen, weiss Wissenschaftsphilosoph Claus Beisbart.

Claus Beisbart, Sie beschäftigen sich mit den Grenzen unseres Wissens. Was ist eine solche Grenze überhaupt?
Eigentlich etwas ziemlich Banales. Jeder Mensch kommt immer wieder an Punkte, an denen er nicht weiterweiss. Etwa wenn ich den Weg zum Bahnhof nicht kenne oder nicht weiss, welches Wetter wir in einer Woche haben. Das sind Beispiele für individuelle Wissensgrenzen. In der Philosophie interessieren wir uns dagegen eher für die prinzipiellen Wissensgrenzen. Es geht nicht darum, was jemand im Moment nicht weiss, sondern darum, was die Menschheit als Ganzes nicht wissen kann.

Kann man sich eine Wissensgrenze vorstellen wie eine Mauer, die nicht zu überwinden ist?
Tatsächlich denken wir uns Grenzen oft wie feste Mauern, über die wir nicht sehen können. Bei vielen Wissensgrenzen müsste man aber sagen: Die Mauer hat Löcher. Wir können hinter der Mauer schon etwas erahnen, aber eben nur verschwommen. Wir haben schon Vermutungen darüber, was jenseits der Mauer ist, aber eben kein Wissen.

Vor allem die Wissenschaft ist darum bemüht, Wissensgrenzen zu überwinden. Einen Reiz hat das Unbekannte jedoch für uns alle. Weshalb eigentlich?
Es gibt eine grundlegende Neugier des Menschen. Schon Aristoteles war der Ansicht, dass der Mensch von Natur aus nach Wissen strebt. Zudem lösen alle Grenzen einen besonderen Reiz aus. Das sieht man ja bei Kindern, die Grenzen im Sinne von Verboten überschreiten wollen. Ein anderes Motiv ist der Nutzen, den wir uns von Wissenserweiterungen erhoffen. Wenn wir etwa eine bestimmte Krankheit besser kennen und wissen, wodurch sie verursacht wird, können wir sie vielleicht heilen.


Welche Grenzen Forscher knacken wollen:

  • Simulation des Gehirns: Mit dem Human Brain Project wollen Forscher besser verstehen, wie das menschliche Gehirn funktioniert – indem sie es am Computer nachbilden. Damit soll es erste Antworten darauf geben, wie Gehirn und Bewusstsein zusammenhängen.

  • Therapie von Demenz: Über 45 Millionen Menschen leben heute weltweit mit einer Demenz. Eine Heilung ist bis heute nicht möglich. Forscher arbeiten fieberhaft an Lösungen – und verfolgen etwa Ansätze, die lange vor dem Krankheitsausbruch ansetzen.

  • Dunkle Materie: Ihre Existenz scheint unbestritten – sie soll 80 Prozent aller Materie im Universum ausmachen. Aber woraus besteht die dunkle Materie genau? Forscher wollen es im weltgrössten Untergrundlabor in den Abruzzen herausfinden.


Warum ist es gut, sich der Wissensgrenzen überhaupt bewusst zu sein?
Zum einen können wir so unsere Ressourcen sinnvoll einteilen. Wenn ich weiss, dass da eine Grenze ist, die ich wahrscheinlich nicht überwinden kann, muss ich nicht unnötigerweise Zeit und Geld verschwenden, um es dennoch zu versuchen. Zum anderen gibt es den Aspekt der Friedenspolitik. Oft streiten wir uns darüber, was wahr oder was falsch ist, obwohl wir es nicht wissen können. Wenn wir gemeinsam gewisse Grenzen akzeptieren, bis zu denen wir Wissen erwerben können, müssen wir uns weniger streiten und leben besser zusammen.

Ist es in jedem Fall gut, die Wissensgrenzen exakt zu bestimmen?
Es ist offensichtlich, dass damit auch Nachteile verbunden sind. Für sich gesehen können Wissensgrenzen demotivierend oder gar frustrierend auf uns wirken. Wenn ich an einem Punkt trotz vollem Kräfteeinsatz nicht weiterkomme, schlägt das natürlich aufs Gemüt. Noch bedeutender scheint mir jedoch etwas anderes. Es kann nämlich sein, dass wir mit einer von uns definierten Wissensgrenze falsch liegen. Wir glauben, zu wissen, dass wir nicht über die Mauer kommen, und dann gibt es doch eine Möglichkeit. Das blockiert uns in der Forschung oder lockt uns auf eine falsche Fährte.

Kennen Sie ein Beispiel von einer falsch gezogenen Wissensgrenze?
John Locke, ein bedeutender Philosoph zur Zeit der Aufklärung, war der Ansicht, dass unser Wissen letztlich nur so weit reicht wie die sinnliche Wahrnehmung. So zweifelte er, etwas über die kleinsten Bauteile unserer Welt, die Atome, wissen zu können. Eben darum, weil wir sie nicht sehen können. Heute wissen wir hingegen nicht nur, wie Atome beschaffen sind. Wir wissen auch einiges darüber, wie aus ihnen die sichtbare Welt entsteht und damit das, was wir wahrnehmen.

Zur Person

Prof. Dr. Dr. Claus Beisbart ist seit 2012 Extraordinarius mit Schwerpunkt Wissenschaftsphilosophie an der Universität Bern. Die Suche nach dem Unbekannten, den Quellen und Grenzen des Wissens zählt zu den Ursprüngen der Philosophie – und liegt auch im Forschungsinteresse des gebürtigen Bayreuthers. An den Universitäten München und Tübingen studierte Claus Beisbart Philosophie, Physik und Mathematik.


Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, um Wissensgrenzen überwinden zu können?

Zuerst müssen wir gute Ideen haben und die richtigen Fragen stellen. Und diese finden wir nicht einfach auf der Strasse. Oft ist bereits das Formulieren einer Fragestellung ein kreativer Prozess, der auf Vorwissen aufbaut. Und wenn ich an einer konkreten Forschungsfrage arbeite, brauche ich meistens Ausdauer, manchmal sogar Mut. Gerade die grossen Fragen sind oft nicht leicht zu beantworten. Zudem muss ich den richtigen Weg finden, um meine Fragen zu beantworten. Ich muss also die am besten geeignete Methode kennen.

Wir wissen heute mehr über die Welt als unsere Vorfahren. Wird es darum je länger, je schwieriger, Wissensgrenzen knacken zu können?
Das ist sicher oft so. In einem neuen Forschungsfeld beginne ich oft mit einfachen Fragen, die schnell beantwortet sind. So erweitert sich mein Wissen rapide. Später wird es zunehmend schwierig. Das sehen wir heute bei bestimmten Experimenten in der Physik. Das Aufspüren neuer Elementarteilchen wird immer schwieriger, weil wir dazu Teilchen mit immer grösserer Energie aufeinander schiessen müssen. Das stellt uns vor grosse technische Herausforderungen. Es ist aber nicht zwingend so, dass der Wissenserwerb in einem Anfangsstadium ohne Probleme gelingt. In vielen Zeiten gab es Tabus und Fragen, denen man sich nicht nähern sollte. Folglich hat sich auch niemand getraut, solche Fragen zu untersuchen.

«Es ist möglich, dass ein bestimmtes Wissensgebiet einmal ausgeschöpft sein wird.»

Claus Beisbart

Heute wissen wir also mehr, in Zukunft wird es noch mehr sein. Wird es Wissensgrenzen dereinst gar nicht mehr geben?
Es ist durchaus möglich, dass ein bestimmtes Wissensgebiet einmal ausgeschöpft sein wird. Dass wir etwa die letzten Geheimnisse zum Aufbau unserer Erde gelöst haben werden. So schnell dürfte sich die Wissenschaft aber nicht überflüssig machen. Momentan ist es eher so: Je mehr Antworten wir haben, desto mehr neue Fragen stellen sich.

Als Philosoph generieren Sie weniger neues Wissen, sondern Sie sammeln und kartieren es. Wo läge jedoch ihr grösstes Interesse für eine Grenzüberwindung?
Ich möchte unbedingt mehr darüber wissen, was es mit der dunklen Materie auf sich hat. Und natürlich, ob irgendwo ausserirdisches Leben existiert. Alles Fragen aus der Kosmologie und der Astrophysik, und der Hintergrund dafür ist auch persönlich. Neben Philosophie habe ich Physik mit Schwerpunkt Kosmologie studiert.

Agenda

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9. Oktober 2018, Biel
15. Oktober 2018, Lyss
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11. November 2018, Kongresshaus, Biel
11. November 2018, Salle des Fêtes, Reconvilier