Fast echt

Wie lebendig ist ein totes Tier? Christoph Meier über das Erschaffen von Illusionen, den Beruf des Tierpräparators und weshalb dieser heute nichts mehr mit Ausstopfen zu tun hat.

Krokodil, Eichhörnchen, Reh, Löwe – in erstarrter Pose stehen sie im Museum auf dem Podest oder hinter Glas. Sind sie lebendig? Haben sie nur die Luft angehalten, die Muskeln angespannt, um im nächsten Augenblick anzugreifen oder zu fliehen? Was die Besucherinnen und Besucher im Museum sehen, ist eine Illusion, erzeugt durch gut gemachte Präparate. Echt ist dabei nur die Hülle: das Fell, die Federn, die Hörner. Alles andere wurde von Menschenhand gefertigt. «Diese Täuschung, vor einem echten Tier zu stehen, erhält bei genauerem Betrachten Risse, und spätestens nach der Berührung ist sie zerstört. Es fehlt die Mimik, die Bewegung, die Wärme.»

«Ich sehe mich nicht als Künstler, sondern als dienender Gestalter.»

Christoph Meier ist schon sein Leben lang Tierpräparator. Ein vielseitiger Beruf, der Anatomie, Tiersystematik und gestalterisches Handwerk umfasst. «Ich sehe mich nicht als Künstler, sondern als dienender Gestalter. Meine Faszination gilt den Werken für Museen und Schulen zu Ausstellungs- und Lehrzwecken. Das Präparieren von Jagdtrophäen oder von Haustieren interessiert mich hingegen wenig bis gar nicht.» Zwanzig Jahre war der Basler Leiter des Präparationsateliers, erst im Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern und später in Basel.
 

Ausstopfen war gestern

Mit dem Ausstopfen von Tieren hat seine Arbeit nichts zu tun. Der Begriff hält sich hartnäckig im Volksmund, obwohl diese Technik schon längst überholt ist. Heute richten sich Präparatoren nicht nach der Haut, sondern die Haut richtet sich nach der Plastik, die sie erstellen. Vorreiter dieser Technik ist der Niederländer Herman H. ter Meer. Seine Entwicklung der dermoplastischen Präparationsmethode Anfang des 20. Jahrhunderts ist ein bedeutender Meilenstein in der internationalen Geschichte der Präparation. Auch Christoph Meiers Arbeit basiert darauf: «Diese Methode erfordert ein millimetergenaues Modell – gegerbte Haut ist nicht dehnbar und verzeiht weder zu enge, noch zu weite Stellen. Aber dank ihr lässt sich das Tier in vielen Details naturgetreu darstellen.»
 

Das Wettrennen gegen die Zeit

Die Grundlage jedes Präparates ist der Tierkadaver. Woher stammen die Kadaver, und wie gelangen sie zum Präparator? «Die Wildtiere werden meist von Privatpersonen gefunden. Entweder sie kennen mich bereits und wissen, was zu tun ist, oder sie werden entsprechend angeleitet. Meist handelt es sich um Vögel oder Kleinsäuger. Gross- oder gar Raubtiere werden von Zoos überliefert – sie bilden aber die Ausnahme in meinem langjährigen Schaffen.» Im Durchschnitt bleiben dem Präparator nur sieben Stunden vom Tod des Tieres bis zur Konservierung – je nach Saison und Temperatur. Die Autolyse, sprich die Selbstauflösung des Gewebes sowie die Fäulnis, die das Ausfallen von Haar und Federn zur Folge haben, beginnt sehr schnell nach dem Ableben.

«Wer hat schon einen Schockfroster zu Hause?»

In dieser Zeit muss das Tier gefunden, im Idealfall gekühlt und zum Präparator gebracht werden, bevor dessen Arbeit beginnt – die bis zur Konservierung der Haut nochmals gut drei bis vier Stunden in Anspruch nimmt. «Der technische Teil, sprich das Entfernen der Haut, muss schnell gehen, und gleichzeitig ist höchste Präzision gefragt, um nichts zu beschädigen.» Auch das Einfrieren ist nur bedingt eine Alternative. Messerscharfe Eiskristalle bohren sich durch die Struktur des Gewebes, die Haare fallen aus. «Schockgefrieren wäre die ideale Lösung, nur wer hat schon einen Schockfroster zu Hause und lagert darin tote Eichhörnchen?»
 

Die «Wiederbelebung»

Ist die Haut in Sicherheit, wird der Kadaver vermessen und für die Modellfertigung aus Kunststoff oder gewickelter Holzwolle genauestens aufgezeichnet. «Noch ist das alles Handarbeit. Erste Versuche mit einem 3-D-Drucker waren zwar zufriedenstellend, die Kosten sind aber für die Fertigung von Einzelstücken viel zu hoch. Gut möglich, dass sich das in Zukunft ändert.»

Sobald das Modell steht, wird die unterdessen gegerbte Haut übergezogen und mit Leim befestigt. Bei einem Grosstier kann das mit dem Einsatz von zwei bis drei Fachleuten gut zwei Tage in Anspruch nehmen. Je nach Tierart folgen darauf unterschiedliche Arbeitsschritte wie das Verteilen von Haut- und Federpartien oder Aufsetzen der Hörner – und natürlich das Einsetzen der Glasaugen, als wichtigen Bestandteil des Ausdrucks.
 

Die Ausstellung als Spitze des Eisbergs

Fertiggestellt, wird das Präparat im Museum ausgestellt – oder aber es lagert in dessen Keller: «Die Besucherausstellung ist nur die Spitze des Eisbergs; die hier gezeigten Tierpräparate dienen der Lehre und Information. Der weit grössere Teil der Sammlung befindet sich im Keller – und ist ein wichtiger Beleg dafür, was wir für die Naturwissenschaft bisher gesammelt und geordnet haben. Als Leiter des Präparationsateliers war ich hier für die Langzeitkonservierung verantwortlich. Diese beginnt bei 50 Jahren, angestrebt werden 100 Jahre und mehr.» Ein optimales Klima ist dabei eine wichtige Voraussetzung, nützt jedoch wenig, wenn bei der Erstkonservierung Fehler begangen wurden: «Mit dem Wissen und den Möglichkeiten von heute, gehen wir gerade mit Chemikalien ganz anders um als noch in den 1960er-Jahren: Wir setzen keine Stoffe ein, die sich auf Dauer selbst zerstören. Und auch keine zu starken Säuren, die durch Feuchtigkeit aktiviert werden und bei der Gerbung die Haut angreifen. Schliesslich soll die Sammlung noch vielen Generationen nach uns zugänglich sein.»

Nach seiner Zeit im Museum hat sich Christoph Meier selbstständig gemacht, um sich nochmals der Erstellung von Kleintierpräparaten zu widmen. Heute ist er pensioniert und führt gelegentlich Präparationen oder Auffrischarbeiten von Schulsammlungen aus. «Die Herstellung von Tierpräparaten übt heute auf mich noch dieselbe Faszination aus wie zur Lehrlingszeit.»

Herausforderung Ferkel
Bei diesem Hausschwein sind nur noch die Borsten echt, selbst die Haut ist nachgebildet. Da sich gegerbte Haut verfärbt und aufgrund der feinen Borsten auch nicht eingefärbt werden kann, wurde die rosa Farbe mit der sogenannten hautlosen Methode erreicht. Bei diesem aufwendigen Verfahren wird ein Silikonnegativ erstellt und mit Kunststoff in der passenden Farbe ausgepinselt. Das Präparat von Christoph Meier war 2018 im Rahmen der Ausstellung «Das Schwein. Sympathisch, schlau und lecker» im Museum.BL in Liestal zu sehen.

Agenda

BEKB -Veranstaltungen

Aktueller Überblick und Anmeldung: bekb.ch/veranstaltungen

Konzerte des Jugendblasorchesters VBJ

3. November 2019, 10.15 Uhr, Congress Centre Kursaal, Interlaken
3. November 2019, 16.00 Uhr, KKThun, Thun
9. November 2019, Kongresshaus, Biel

BEKB-Pensionsplanungsanlässe

22. Oktober 2019, Turbensaal Bellach, Bellach 
23. Oktober 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Biel 
23. Oktober 2019, Schloss Hünigen, Konolfingen 
29. Oktober 2019, Bildungszentrum der BEKB, Liebefeld-Bern
5. November 2019, Saalbau, Kirchberg
13. November 2019, Hotel Interlaken, Interlaken Ost

Immobilien-Herbstmesse

31. Oktober bis 2. November 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz

St. Nicolas de la BCBE à Tramelan

4. Dezember 2019, BCBE Tramelan

Santarun Bern

29. November 2019, BEKB-Begegnungszentrum, Bern Bundesplatz