Erzähl mir was!

Die meisten Menschen erzählen gerne. Von sich, ihren Problemen, Sehnsüchten, Alltäglichkeiten. Andere wiederum hören zu. Bei manchen gehört das auch irgendwie zum Beruf; sie leihen ihr Ohr immer wieder anderen. Drei Menschen erzählen, wie sie ihren Alltag voller persönlicher Geschichten erleben.

Basil Brandenberg – der Optiker

«Wenn ich die Brille wiedererkenne, erinnere ich mich meistens an die Geschichte einer Person.» 

Basil Brandenberg, 36, Optiker und Mitinhaber der Brillerei, eines Optikergeschäfts mit Standorten in der Berner Matte und in Riggisberg.

Während deiner Arbeit erzählen dir Kundinnen und Kunden immer wieder persönliche Geschichten – wie gehst du damit um?
Ich freue mich! Denn wer erzählt, bringt mir Vertrauen entgegen, mutet mir Empathie zu – ein schönes Gefühl. Natürlich stelle ich auch immer viele Fragen zu den Hobbys, dem Arbeitsplatz, den Gewohnheiten, nicht zuletzt der Gesundheit. Es ist naheliegend, dass so schnell einmal persönliche Gespräche entstehen. 

Und die professionelle Distanz?
Ich führe durch die Beratung und merke, wenn es zu sehr ins Private abrutscht. Dann ziehe ich die Bremse und lenke den Fokus zurück auf die Brille.

Erzählst du Persönliches von dir?
Ja. Aber nur in einer gewissen Dosis. Meistens geht es eher um meine persönlichen Ansichten. 

Gibt es ein Gespräch, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Eine Kundin, rund 80 Jahre alt, kam vorbei, um sich eine Sonnenbrille für die Ferien zu besorgen. Sie war bis dahin wenig gereist und wollte unbedingt auf die Galapagosinseln, obwohl ihr sämtliche Verwandten und Freunde davon abrieten. Sie ist trotzdem gegangen. Nach ihrer Reise hat sie mich besucht und ausführlich davon erzählt und geschwärmt. 

Denkst du auch nach der Arbeit über die Kundinnen und Kunden und ihre Geschichten nach?
Manchmal ja, mit einem Schmunzeln oder Kopfschütteln. Aber wenn ich das Geschäft abends abschliesse, bleiben die Gespräche auch da. Die besten Geschichten erzählen übrigens ältere Menschen, sie haben schon viel erlebt.

Was nimmst du aus den persönlichen Gesprächen für dich mit?
Von allem ein wenig, sei es ein neuer Ferienort, ein Künstler, vielleicht ein Restaurant, das ich nicht kannte. Aber auch, allem und allen gegenüber offen zu sein, zu realisieren, dass jeder Mensch anders ist – was auch ganz gut ist so.
 

Karoline Wirth – die Videobiografin

«Ich habe die Lizenz, jede Frage stellen zu dürfen.»

Karoline Wirth verfilmt Lebensgeschichten von Privatpersonen und hält so persönliche Erinnerungen fest. Die 49-Jährige ist Inhaberin von Retrospekt.

Worum geht es bei deiner Arbeit?
Um die Biografie einer Person, um Anekdoten und persönliche Erinnerungen. Es sind in der Regel Porträts über Grosseltern, die ihre persönlichen Geschichten für die Familie festhalten. Ich drehe bei den Leuten zu Hause und filme den Alltag. Dass sie offen von Erfolgen und Enttäuschungen im Leben erzählen, ist sozusagen mein Geschäftsmodell.

Wie kommst du zu den Geschichten?
An Neugier und Spürsinn für Geschichten fehlt es mir nach 20 Jahren TV-Journalismus nicht. Meine Kundschaft hat zudem Lust, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, weil das Erzählen den Kopf und das Herz aufräumt.

Ist dir dieses persönliche Austauschen wichtig? 
Es ist für mich das Grösste. Es ist Grund, Auslöser, Anlass, Freude, Motivation, Motor und das Argument schlechthin, warum ich eine sichere Festanstellung aufgegeben habe. 

Haben dich Geschichten auch schon mal zu Tränen gerührt? 
Wenn ich die Interviews am Schnittpult zusammenschneide, mit wackligen Super-8-Bildern und Fotos von früher anreichere, verdrücke ich regelmässig eine Träne. Die Kraft der Bilder berührt mich.

Ist so viel Persönliches nicht manchmal sehr anstrengend? 
Doch, weil das Leben streng ist. Aber die Auseinandersetzung befriedigt, ist nachhaltig und sinnvoll. Eine lustvolle Anstrengung, die glücklich macht.

Was sind besonders bleibende Momente?
Wenn der heute selbstbewusste CEO auf den alten Super-8-Filmen «füdliblutt» durch den Kinderpool hüpft! Das sind lustige Momente, die einem bewusst machen, dass wir alle gleich sind und als Mensch an Sympathie gewinnen, wenn wir authentisch sind.

Denkst du manchmal auch nach der Arbeit über die Personen und ihre Geschichten nach? 
O ja. Mein Hirn meint dummerweise manchmal, es müsse um drei Uhr in der Nacht einen Film schneiden.

Wer erzählt die besten Geschichten? 
Die Generation unserer Eltern und Grosseltern. Sie haben Lebenserfahrung, sind weitsichtig und oft sehr gelassen. Sie müssen sich und der Welt nichts mehr beweisen. Interessant wird es vor allem, wenn sie beginnen, ganz ehrlich zu sein. Stark und schwach, erfolgreich und manchmal auch sieglos.
 

Petra Eichenberger – das Medium

«Ich finde es wunderbar, dass wichtige Beziehungen über den Tod hinaus bestehen bleiben.»

Petra Eichenberger ist 44 Jahre alt, selbstständig und in der Gemeinschaftspraxis Seven Soul in Ostermundigen tätig. Als Medium schafft sie eine Verbindung zwischen den Lebenden und Verstorbenen.

In deinem Beruf geht es um die Trauer, den Verlust eines geliebten Menschen. Eine sehr persönliche Sache.
Diejenigen, die zu mir kommen, haben sich mit dem Thema Tod auseinandergesetzt. Sie haben einen wichtigen Menschen verloren. Sie fühlen sich alleine gelassen, konnten sich vielleicht nicht verabschieden. Als Medium baue ich den Kontakt zu den Verstorbenen auf. Die Verbindung schafft Heilung auf beiden Seiten. 

Wie gehst du vor, um mit den Verstorbenen in Kontakt zu treten?
Ich bin froh, wenn meine Kundinnen und Kunden über die betroffene Person so wenig wie möglich im Voraus erzählen. Ich muss nur den Namen der Person wissen, die Lebensgeschichten erfahre ich von den Verstorbenen selbst. 

Ist dir dieser persönliche Austausch wichtig?
Der Austausch zwischen mir und der geistigen Welt ist meine Arbeit, also ja. Ich bin die Brücke zwischen der Gegenwart und dem Jenseits, schaffe die Möglichkeit zum Austausch. Zuerst höre ich den Verstorbenen zu. Dann erzähle ich den Lebenden, was ich erfahren habe. Im zweiten Teil der Sitzung haben meine Kundinnen und Kunden die Möglichkeit, den Verstorbenen zu sagen, was ihnen auf dem Herzen liegt. 

So viel Persönliches – wird es dir manchmal zu viel?
Nie, ich lebe meine Berufung als Medium. Da steckt so viel Demut und Dankbarkeit in meiner Arbeit. Sie erfüllt mich. Zwar gehen mir die Geschichten und deren Schicksale nahe, ich löse mich aber immer bewusst davon und verabschiede mich nach der Sitzung von beiden Parteien. 

Fliessen auch mal die Tränen?
Das kann vorkommen. Dafür schäme ich mich auch nicht. Ich zeige ganz offen, wenn mich etwas berührt. 

Gespräche mit Verstorbenen, das tönt sehr traurig. 
Aber nein! Berührend immer, traurig aber nicht unbedingt. Manchmal lachen wir auch zusammen, die Verstorbenen beweisen oft Humor. Oder sie schwärmen über ihre Lieblingsspeise, ein wunderschönes Thema!

Laura Marti

Umfrage

Wie gefällt Ihnen das flash? Wir möchten das E-Magazin noch persönlicher gestalten. Nehmen Sie jetzt an unserer Umfrage teil, und gewinnen Sie einen von fünf BERNcity-Gutscheinen im Wert von je 50 Franken.

Jetzt teilnehmen

Agenda

BEKB -Veranstaltungen

Hinweis zum Coronavirus: Je nach Entwicklung der Lage können Veranstaltungen abgesagt oder verschoben werden. Aktuelle Informationen und Anmeldung: bekb.ch/veranstaltungen