Guter Tropfen, guter Zweck

Persönliches Engagement kann Horizonte öffnen. Roland Stübi geht so weit, dass er im Alter von fast 70 Jahren mit Partnern eine Weinhandlung übernommen hat. Die edlen Tropfen sind aber nur Nebensache.

Wo Bern draufsteht, ist manchmal Italien drin. Wie hier in diesem kleinen, feinen Laden in der Länggasse, der La Cantina. Viele erlesene Weine aus dem südlichen Nachbarland füllen eine ganze Wand. Roland Stübi steht davor und stellt Flasche um Flasche ins Regal, leert Kiste um Kiste. Die Kartonschachteln, aus denen er jetzt allerhand Weine zieht, sind gleichzeitig seine persönlichen Wundertüten. «Was ich hier mache, ist absolutes Neuland für mich», so der Berner, «bis vor einigen Jahren hätte ich mir nicht im Traum ausgemalt, dass ich je in den Weinhandel einsteige.» 

Denn auch, wenn dieser Laden für nichts ausser Qualitätstropfen steht, für Roland Stübi sind sie trotzdem nur die Nebensache. Vor drei Jahren hat er das etablierte Geschäft aus einem anderen Grund übernommen, gemeinsam mit zwei gleichgesinnten Partnern. Das Ziel: Mit dem Weinhandel Gutes bewirken. Die Erlöse fliessen vollumfänglich an die Stiftung Mercato. Diese betreibt in Aarberg ein italienisches Restaurant, das Jugendliche und Erwachsene in schwierigen Verhältnissen beschäftigt. Junge Menschen können etwa Praktika oder eine Ausbildung in einem engen Betreuungsverhältnis machen. Zum Beispiel, wenn sie zuvor aus dem ersten Arbeitsmarkt ausgeschieden sind oder gezielte Unterstützung für den Einstieg benötigen.  

«Wir wollen Menschen, die es schwer haben, unterstützen, sich beruflich und sozial zu integrieren», sagt Roland Stübi, der auch Stiftungsratspräsident von Mercato ist. Die Weinhandlung La Cantina ist ein wichtiger Pfeiler, um die Stiftung zu unterstützen. So stellt sie dem Restaurant etwa die Weine zum Selbstkostenpreis zur Verfügung. Möglich ist das nur, weil die Cantina-Mitarbeitenden entweder ehrenamtlich oder für eine kleine Entschädigung arbeiten.


Wichtiger Bauchentscheid

Roland Stübi schaut zufrieden auf sein Werk. Die Weinregale im kleinen Länggass-Italien sind wieder voll. Später wird er noch eine Bestellung an ein Restaurant ausliefern. Die Logistik ist seine Aufgabe. Dass alles so rund laufen würde, war nicht unbedingt abzusehen. «Die Übernahme der La Cantina war sicher ein Risiko», gesteht er. Ob die Kunden dem Geschäft treu blieben, wenn die langjährigen Besitzer weg sein würden – unsicher. Unklar auch, wie er und das Team sich schlagen würden. Bei der Übernahme vor drei Jahren war Roland Stübi bereits pensioniert und fast 70 Jahre alt. 

«Letztlich war es ein Bauchentscheid, der uns dazu veranlasst hat, hier einzusteigen.» Die Stiftung Mercato hat nach einer neuen Lösung für den kleinen restauranteigenen Weinhandel gesucht, der bereits existierte, und hat schliesslich zugeschlagen, als das Geschäft in der Länggasse zum Verkauf stand. Die Rechnung ist aufgegangen. Das neue Team der La Cantina ist auf gutem Weg, auch weil ihnen die vormaligen Eigner viel Know-how mitgegeben haben. 

Für Roland Stübi fällt hier jedoch nur ein Teil seines Engagements an. Als Stiftungsratspräsident investiert er viel Zeit in das Restaurant und Sozialprojekt Mercato. Er akquiriert und pflegt die Beziehung zu Spendenden, unterstützt die Sozialpädagogin bei ihrer Arbeit mit den Jugendlichen. Und er kümmert sich um viele operative Belange, weil die Stiftung momentan keinen Geschäftsführer beschäftigt.
 

Gutes Zurückgeben

Vor fünf Jahren hat Roland Stübi sein Engagement für die Stiftung Mercato begonnen. «Damals bin ich von einem Tag Arbeit im Monat ausgegangen, heute ist daraus ein 60-Prozent-Pensum geworden.» Das alles passiert ehrenamtlich. Wieso aber legt sich einer so ins Zeug, der bereits sein ganzes Berufsleben lang viel gearbeitet und wichtige Beiträge geleistet hat? Der Berner war zeit seines Lebens Sozialarbeiter, hat 25 Jahre lang eine Einrichtung für Jugendliche mit problematischem Verhalten geleitet. «Ich hatte es immer gut», resümiert Stübi, er habe eine gute Ausbildung genossen, eine anspruchsvolle und vielseitige Arbeit verrichten dürfen, sei also privilegiert. «Für mich war darum klar, dass ich etwas zurückgeben möchte, auch wenn ich mein Pensionsalter längst erreicht habe.»  

Antrieb für sein Engagement ist auch das, was am Ende dabei herauskommt, «nämlich viele talentierte Gastronomiebegeisterte». Viele von ihnen würden nach ihrer Zeit bei Mercato eine Stelle finden. Etwa 20 Jugendliche und Erwachsene durchlaufen bei der Stiftung jedes Jahr ein Programm – von einer kurzen Arbeitsabklärung der IV bis zur dreijährigen Lehre. Die Menschen suchen hier Hilfe, weil sie persönliche oder psychosoziale Probleme jeglicher Art durchleben. Auch Migranten, die sich um ihre Integration bemühen, finden einen Platz: «Unser Chef-Pizzaiolo ist ein Iraker, der aus seiner Heimat flüchten musste.»
 

Eigene Geschichte als Triebkraft

Roland Stübi erfährt direkt, was es heisst, sich persönlich zu engagieren. Wenn er Wein ausliefert, meldet sich abends gerne einmal der Rücken – und wenn ein Jugendlicher eine Chance erhält, erfährt er das spätestens, wenn dieser nach einigen Wochen aufblüht. 
Trotzdem bleibt das, was er tut, ein zweischneidiges Schwert. Dass die private Stiftung stets auf Spenden angewiesen sei, offenbare die mangelnde Unterstützung von anderer Stelle, namentlich vom Staat. «Ich will aber nicht einer sein, der nur kritisiert», stellt Stübi klar, «vielmehr will ich selbst dazu beitragen, dass sich die Situation vieler verbessert.»

«Ich will nicht nur kritisieren, sondern direkt helfen, die Situation vieler zu verbessern.»

Sich für Schwächere einsetzen, gegen Ungerechtigkeit ankämpfen, darin liegt für den 71-Jährigen von jeher eine innere Notwendigkeit. Auch weil es wohl einiges mit seiner eigenen Geschichte zu tun hat. Sein Vater musste in jungen Jahren als Verdingkind von Bauernhof zu Bauernhof ziehen. «Ich habe erst spät realisiert, was das wirklich heisst», so Roland Stübi, «aber es hat mich wohl früh geprägt und mich andere Entscheidungen fällen lassen.» Etwa nach der Lehre zum Tiefbauzeichner das Technikum abzubrechen und sich ganz einer sozialen Arbeit zu widmen.

Auch neben Mercato hat sich der Berner schon zahlreichen Projekten im Ehrenamt gewidmet, bereits zu Zeiten, als er noch fest berufstätig war. Lockt da nicht doch irgendwann die Aussicht, die Pension im schönen Süden zu geniessen? «Nein», kommt es entschieden zurück, «danach sehne ich mich nicht.» Vielleicht auch, weil das gar nicht nötig ist. Denn «Bella Italia» liegt Roland Stübi ja heute schon zu Füssen, hier im kleinen Weineldorado mitten in Bern. 

Marc Perler

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