Schreib mir, wer du bist

Nicht was, sondern wie es geschrieben ist, interessiert Hanspeter Küng, wenn er an seinem Schreibtisch sitzt und Handschriften analysiert, sie vergleicht und auf Echtheit prüft. Über einen Berner Grafologen, dem auch im digitalen Zeitalter die Arbeit nicht ausgeht.

Wie haben wir sie alle geduldig geübt, die Linien, Schleifen und Schwünge. Zwischen Hilfslinien verschmolzen die ersten Buchstaben zu einem Wort. Es folgten Diktate, Aufsätze, frühe Liebesbriefe – und mit ihnen formte sich die persönliche Handschrift. Zu dieser Zeit, als Junge der unteren Schulklasse, verspürte Hanspeter Küng gegenüber der persönlichen Schrift eine grössere Faszination als viele seiner Mitschüler. «Ich setzte mich sonntags zu meinem Vater an den Schreibtisch, der Hefte voll gesammelter Handschriften betrachtete. Bald fragte er, auf zwei Schriften deutend: ‹Welche gefällt dir besser?› Und später wollt er wissen: ‹Warum?› Das war eine Frage, die vieles in mir bewegte.»
 

Es bleibt die persönliche Unterschrift

Gerade bei der Rekrutierung von Kaderleuten war es lange Zeit üblich, ein grafologisches Gutachten zu erstellen, um mehr über die Persönlichkeit der Kandidatinnen und Kandidaten zu erfahren. Wer heute eine Stelle aufgrund der handgeschriebenen Bewerbung erhält, verdankt dies wohl eher deren Seltenheitswert. Die meisten Schreiben treffen heute als PDF im digitalen Posteingang ein. Handgeschriebenes findet sich bei vielen nur noch auf dem Einkaufs- oder Post-it-Zettel mit dem Text «Erledigen». Alles andere wird getippt; E-Mails, Nachrichten, Bücher – oder kommt ganz ohne Geschriebenes aus, wie der neueste Kommunikationstrend der Sprachnachrichten. Was hat ein Grafologe im digitalen Zeitalter noch zu tun? «Seit etlichen Jahren bin ich überwiegend auf dem Gebiet des Schriftvergleichs tätig und mache viel weniger Schriftanalysen. Das heisst, ich bearbeite hauptsächlich Fragen zur Echtheit von Unterschriften und auch mal von einem handschriftlichen Text. Und hier geht die Arbeit nicht aus. Die Unterschrift nämlich, die ist bis heute geblieben. Ob auf einer Postkarte oder einem geschäftlichen Schreiben: Ein Brief endet mit einer persönlichen Signatur. Anfragen kommen von Notaren, Anwälten, CEOs und KMU-Leitern, aber auch von Privatpersonen. Mehrheitlich geht es dabei um mögliche Urkundenfälschungen.»
 

Nichts ist individueller

Stirbt die Handschrift etwa aus? Küng wagt dazu eine Prognose: «Ich glaube, dass analoges Notieren die Kreativität anders anregt als digitales. Und noch etwas lässt mich daran zweifeln, dass die Handschrift aus unserem Leben verschwindet: Das allgegenwärtige Streben nach Individualität. Denn was ist individueller als die eigene Handschrift?»

Erlebt die Handschrift womöglich gar ein Revival? Nehmen wir uns doch die Zeit und schreiben wieder einmal einen handgeschriebenen Brief. Die Empfängerin oder der Empfänger wird sich freuen. Und anders laufen wir Gefahr, dass unsere Persönlichkeit schon bald anhand der Präferenz der Computerschrift analysiert wird. Comic Sans lässt grüssen. 

Maria van Harskamp

Hanspeter Küng

Nach einem Philosophiestudium absolvierte Hanspeter Küng eine grafologische Ausbildung in Freiburg im Breisgau. Seit 1974 führt der Grafologe eine Praxis in Bern. Nebst grafologischen Gutachten für Firmen und Privatpersonen bietet er auch beratende Unterstützung im Bereich Laufbahn- und Karrieregestaltung an. Zu seinen Publikationen gehören «Ist das schriftpsychologische Verfahren seriös?», 2005 erschienen in der «Zeitschrift für Schriftpsychologie und Schriftvergleichung», sowie «Der Drogensüchtige – sein Weltbild in seinem Schriftbild», publiziert 1973 in «Graphologische Rundschau, Zeitschrift für wissenschaftliche Graphologie».

Was ist Grafologie?

Das Terrain der Grafologie ist ein Teilgebiet der psychologischen Diagnostik. Sie befasst sich damit, wie jemand schreibt, nicht was jemand schreibt. «Die Handschrift ist für mich als fixierte Bewegungsspur aus Lebensvorgängen hervorgegangen. Sie lässt individuelle Rückschlüsse auf Schreiberpersönlichkeiten zu, ähnlich wie das auch Sprache, Mimik oder Gestik tun», erklärt Grafologe Hanspeter Küng. Dabei ist es weniger wichtig, ob jemand besonders schön oder auch weniger schön schreibt. Vielmehr lässt sich der Grundrhythmus, das Tempo, in dem etwas geschrieben wird, deuten.

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