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App gegen das Leiden

Neue Technik ersetzt alte Therapien. Auch für Diabetiker, die am Berner Inselspital Hilfe suchen. Klinikdirektor Christoph Stettler über Fortschritt durch Digitalisierung – und weshalb er seine Patienten ihr Essen fotografieren lässt.

Cupcakes in allen Farben, das knackige Müesli mit Chia-Samen oder der knallgrüne Gemüsesmoothie: Mit solchen Bildern fluten gesundheitsbewusste Smartphonenutzer die sozialen Medien. Auf diesen Zug wollen sogar Mediziner des Berner Inselspitals aufsteigen, wenn auch aus ganz anderem Grund. Christoph Stettler, Leiter der Universitätsklinik für Diabetologie, hat mit weiteren Forschern ein besonderes Pilotprojekt umgesetzt. Das Zauberwort dafür lautet GoCARB – eine App, über die Diabetiker ihre Ernährung erfassen. Und das geht denkbar einfach: Die Studienteilnehmer fotografieren mit dem Smartphone ihre fertig angerichteten Speisen. Im Hintergrund gleicht eine Datenbank die Bilder mit Hunderten erfassten Mahlzeiten ab, dank 3-D-Erkennung berechnet die App auch das Volumen. Innert eines Wimpernschlags erhalten Diabetiker das serviert, was sie bisher mühsam im Kopf abschätzen mussten: die Menge an enthaltenen Kohlenhydraten. Dieser Wert entscheidet darüber, wie viel Insulin sich Erkrankte verabreichen müssen. «Diese App erleichtert das Leben vieler Diabetiker enorm», freut sich Christoph Stettler, beim ungefähren Schätzen würden die meisten deutlich danebenliegen – «und wir Ärzte sind oft noch schlechter darin».

  • So funktioniert die GoCARB-App: Der Diabetiker fotografiert mit dem Smartphone sein Essen, das Programm erkennt die abgebildeten Lebensmittel und errechnet mittels 3-D-Erkennung die Menge an enthaltenen Kohlenhydraten.


Entstanden ist die App aus einem EU-Forschungsprojekt, bei dem die Universität Bern die Federführung innehatte. Genutzt haben sie die Patienten bisher lediglich in einem zweiwöchigen Pilotprojekt, denn noch ist die Technik nicht ganz ausgereift. Die Speisendatenbank ist zwar umfassend, aber die Bilderkennung birgt noch Stolperfallen. Ein Erfolg ist das Projekt für Christoph Stettler aber schon jetzt: «Es ist eine Möglichkeit, mit der sich Menschen spielerisch mit ihrer Ernährung befassen können.» Die Rückmeldungen der teilnehmenden Patienten seien denn auch rundum positiv. Anders als früher: «Wenn ich den Patienten jeweils nahegelegt habe, einmal eine Ernährungsberatung aufzusuchen, haben viele nur die Augen verdreht.»

Moderne Therapien

GoCARB ist symptomatisch für eine Entwicklung, die die Diabetologie zurzeit umtreibt. «Die Fortschritte dank der Digitalisierung sind enorm», so der Berner Klinikleiter. Die Zeiten, in denen Diabetiker ihren Blutzucker am Finger messen und die Werte fein säuberlich in einem Büchlein eintragen mussten, seien vorbei. Vieles passiert heute automatisch: ein Sensor unter der Haut, der den Blutzucker misst und die Werte in Echtzeit auf das Smartphone überträgt; oder die Insulinpumpe, ein kleines Gerät auf der Haut, das über Fernbedienung oder App Insulin abgibt. Gerade für Typ-1-Diabetiker, oft bereits Kinder und Jugendliche, sind solche Verfahren heute Standard. Im Rahmen einer Studie haben Ärzte des Berner Inselspitals Messung und Therapie jüngst sogar gekoppelt: in einem Sensor, der den Blutzuckerwert errechnet und das Resultat direkt an die Insulinpumpe weiterleitet. «Das ist die Zukunft in der Diabetikerbehandlung», weiss Christoph Stettler. «In Bern leben wir sie schon heute.»

  • Insel-Arzt Christoph Stettler hat sich neuen Therapien für Diabeteskranke verschrieben – seit einem Jahr auch als Leiter der Universitätsklinik für Diabetologie.

Auch wenn die Diabetesforschung schon weit ist, die Zukunft wird noch mehr bringen. Derzeit entwickeln die Berner Diabetologen mit der ETH Zürich eine weitere digitale Hilfestellung. Christoph Stettler glaubt, dass nicht nur Hilfe und Behandlung an sich wichtig sind, sondern auch deren Zeitpunkt. «Jeder Mensch kennt Zeiten, zu denen er für Input von aussen empfänglich oder eher verschlossen ist.» Kennen die Ärzte nun diese für sie günstigen Momente, eröffnet ihnen das neue Möglichkeiten für die Therapie. Und wie könnte das aussehen? «Toll, dass Sie sich bewegt haben» ­– diese Nachricht dürfte das Smartphone anzeigen, nachdem der Schrittzähler oder ein anderer Parameter die Sporteinheit erkannt hat. Oder eine mögliche Displayerinnerung für einen Diäthalter, der gerade den Kühlschrank öffnet: «Die nächste Mahlzeit sollten Sie auf später verschieben.»

Datenflut lenken

Es sind Visionen wie diese, an denen Ärzte und Informatiker arbeiten, die auch Ängste hervorrufen, jene vor der permanenten Überwachung etwa. «Natürlich stellen sich bei einer solchen Therapieform ethische Fragen», so Christoph Stettler, «deshalb muss eine Teilnahme immer auf Freiwilligkeit basieren.» Zudem stellen sich gerade ängstlichen Patienten mit den vollautomatischen Messungen neue Herausforderungen: «Wenn ich meinen Blutzuckerwert rund um die Uhr beobachten kann, dann kann mich das natürlich auch stressen.» Ziel sei es darum, den Patienten an die Hand zu nehmen und ihn den richtigen Umgang mit der Datenflut zu lehren. Trotz manchen Bedenken glaubt der Mediziner, dass viele Menschen den neuen Möglichkeiten offen gegenüberstehen. Er selbst zählt sich an vorderster Front dazu. Mit Begeisterung spricht Christoph Stettler über Projekte, Apps, Ideen – und darüber, dass das Inselspital das schweizweit führende Zentrum in der innovativen Diabetesbehandlung sei. Nur sein Chia-Samenmüesli in den sozialen Medien teilen, das würde der Berner nicht. Der Schwärmer für die Digitalisierung hat kein Facebookprofil.

Patienten helfen Forschern

Eine Frage, die sich im Zusammenhang mit der Digitalisierung immer dringlicher stellt: Was passiert mit den medizinischen Daten? Und wer hat auf sie Zugriff und darf sie wofür verwenden? Forscher der ETH haben mit Midata eine Antwort gefunden – eine genossenschaftlich organisierte Plattform, die es Patienten erlaubt, die Hoheit über ihre Daten zu behalten. Die Patienten entscheiden dabei selbst, welche Daten sie der Forschung zur Verfügung stellen. Ein allfälliger Erlös fliesst zurück an die Genossenschaft. Über die Plattform laufen derzeit mehrere medizinische Pilotprojekte. Mit den daraus gewonnenen Daten helfen die Patienten den Forschern, neue Therapien zu entwickeln. Mit einigen Projekten ist auch das Berner Inselspital beteiligt. Weiter sollen dieses Jahr etwa Therapieapps für Leukämie-, Multiple-Sklerose- und COPD-Patienten aufgeschaltet werden. 

Agenda

Konzerte des Jugendblasorchesters VBJ

3. Mai 2018, Stadttheater, Langenthal
7. Mai 2018, Hotel National, Bern

BEKB-Familientage

26. Mai 2018, Gurten, Bern
3. Juni 2018, Studen
17. Juni 2018, Solothurn
11. August 2018, Utzenstorf
2. September 2018, Reconvilier

Sitzkissenkonzerte für Kinder ab 4 Jahre

13. März 2018, Stadttheater Bern
20. März 2018, Stadttheater Bern

Spannende Ausflugstipps

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