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Seine Hand hat Zukunft

Was ihm die Natur nicht mitgegeben hat, verschaffen ihm findige Techniker: Michel Fornasier geht mit seiner elektronischen Kunsthand leichter durchs Leben.

Er ist ein Mann, der voll im Leben steht. Michel Fornasier, aufgeschlossener Freiburger, 39 Jahre alt, engagiert im Beruf und aktiv in der Freizeit. Und das, obwohl er seine rechte Hand erst vor drei Jahren erhalten hat. Unverblümt lässt er sie vor den neugierigen Augen seines Gegenübers kreisen und sagt: «Ich bin dankbar, dass damit so vieles möglich geworden ist.» Michel Fornasiers rechte Hand ist ein Hightechprodukt. Die «bionische Hand», so nennen sie die Entwickler, ist in der hypermodernen Forschungsabteilung eines schottischen Start-ups entstanden. Sie ist derzeit die ausgefeilteste Prothese auf dem Markt, steuerbar über das Smartphone und nicht vergleichbar mit den bisherigen Modellen, die den Alltag ihrer Träger kaum merklich erleichtert haben. Das silberglänzende Hilfsmittel lässt sich an einem verchromten Karbonschaft über den Armstumpf ziehen. Den gewünschten Handgriff kann der Träger über die App auswählen, «Zugreifen» etwa oder «Tastaturtippen». Heute sieht es aus, als ob das Handling der elektronisch gesteuerten Prothese ein Kinderspiel wäre – allerdings nur, weil unzählige Übungsstunden dahinterstecken. «Es war eine Engelsgeduld nötig, um mich an die Hand zu gewöhnen», erinnert sich der gelernte Finanzfachmann. An jeden einzelnen Griff musste er sich sprichwörtlich herantasten, nur schon an das Greifen eines Glases etwa.

  • Die Zahlen zu Michel Fornasiers bionischer Hand: Zehn Menschen in der Schweiz tragen sie, 50 000 Franken kostet sie, 25 Griffmuster sind abrufbar, und sie leistet 15% einer natürlichen Hand.

Gelohnt hat sich der Kraftakt, der zum Einüben der Handgriffe nötig war, allemal. Gerade als Kind hat Michel Fornasier immer wieder vor Augen geführt bekommen, dass er, geboren mit nur einer Hand, anders ist. Eines seiner liebsten Hobbys, das Schlagzeugspielen, war ein regelrechter Kraftakt. Die Stöcke klebte er mit Scotch an seinem Armstumpf fest und hämmerte eisern auf sein Instrument. Der junge Mann war ehrgeizig und nicht bereit, sein Leben dem Handicap unterzuordnen. Trotzdem kämpfte er mit seiner ständigen Begleiterin: der Scham. An seinem ersten Rendezvous stellte er sich mit einem speziell angefertigten Gipsarm vor, den sein Orthopäde über die damalige Prothese angelegt hatte. Auf Familienfotos posierte er auffällig oft mit einer Vase, die die fehlende Hand kaschieren sollte. «Aber irgendwann war ich der ständigen Versteckspiele müde», so Michel Fornasier heute. Eine Bekannte aus England, ebenfalls einhändig, die nie ein Geheimnis um ihr Handicap machte, gab ihm den Mut, es ihr gleichzutun. «Es ist befreiender, offen durchs Leben zu gehen», resümiert der 39-Jährige, der heute im Raum Zürich lebt. Gleichzeitig habe er irgendwann akzeptiert, dass eben nicht alles möglich sei, wenn nur ein menschlicher Arm vorhanden ist. Das krampfhafte Schlagzeugspielen, es musste nicht mehr sein. Trotzdem haben Menschen wie Michel Fornasier immer mehr Möglichkeiten: Fortschritte in Robotik und Digitalisierung erleichtern das Leben massgeblich. 

  • Die moderne Prothese erlaubt es Michel Fornasier, seinem Leben mit alltäglichen Handlungen nachzugehen.

Michel Fornasiers elektronisch gesteuerte Kunsthand ermöglicht vieles – und immer noch mehr. Regelmässig erhält er Softwareupdates, die ihn zusätzliche Handgriffe ausführen lassen. Etwa den «Daumenparkierer», einen Kniff, der praktischerweise den Daumen einzieht, wenn der Prothesenträger in eine Jacke schlüpfen will. Daneben ist Fornasiers Wohnung neuerdings mit Mikrochips ausgestattet, die Signale an die Hand senden. Kommt der Küchennutzer etwa in die Nähe der Geschirrschublade, so öffnet sich die Hand automatisch, um einen Suppenlöffel zu greifen. Trotz allen neu gewonnen Annehmlichkeiten seien die technischen Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft. Regelmässig macht dem Sportsfreund etwa das Gewicht seines Alltagshelfers zu schaffen: Fast eineinhalb Kilogramm drücken jeweils gegen seinen Körper. «In der ersten Zeit spürte ich richtigen Muskelkater, als ich abends im Bett lag.» Künftige Entwicklungen sollen noch leichter und alltagstauglicher werden. Auch den Funktionen sind keine Grenzen gesetzt. Heute verfügen Prothesenträger nicht über einen echten Tastsinn. Künftig soll die Elektronik via Impulse anzeigen, ob sich ein Gegenstand glatt, spitzig oder kalt anfühlt. «Es wird noch viel passieren», glaubt Michel Fornasier, der die medizinische Robotikszene interessiert verfolgt. Nach Jahren des Stillstandes herrsche heute ein gesunder Wettbewerb zwischen den Entwicklern, gefördert etwa durch Tech-Forschungswettkämpfe wie den Cybathlon der ETH Zürich.

Brückenbauer

Anders als in Kindertagen spricht Michel Fornasier offen und entspannt über sein Handicap, ohne Scheu vor verwunderten Reaktionen – mehr noch: Der Senior Partnership Manager einer NGO engagiert sich in der Freizeit ehrenamtlich für Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen. Auch der Gang an die Öffentlichkeit ist ihm nicht fremd, Medientermine und Vorträge meistert er mit erstaunlicher Gelassenheit. Der Grund ist klar: «Ich erzähle gerne über das neuartige Hilfsmittel, wenn ich sehe, wie viel leichter es das Leben auch von anderen Menschen mit demselben Handicap macht.» Viele Berührungsängste habe er schon abbauen können, etwa bei einem verzweifelten Elternpaar, das glaubte, ihrem Sohn sei mit nur einem Arm die Zukunft verwehrt. Michel Fornasiers offene, freigiebige Art kommt anderen zugute – aber manchmal auch ihm selbst. Er lacht, wenn er sagt: «Meine Freundin habe ich kennengelernt, nachdem sie mich in einem Radiointerview gehört hat.»

Was es heisst, den Alltag mit seiner besonderen Helferin zu meistern: Bereits 2015, nach einem Jahr mit der Handprothese, hat es Michel Fornasier in einem Videoporträt verraten.

Hilfe durch Robotik

Michel Fornasier lebt dank der Robotik schon heute ein leichteres Leben. Die Forschung entwickelt derweil intensiv neue Möglichkeiten, um Menschen mit verschiedensten Behinderungen zu helfen. Darunter fallen Exoskelette, roboterähnliche Anzüge, dank denen etwa Querschnittgelähmte ihre Gliedmassen führen können. Mit Retinaimplantaten erhalten Blinde künftig Kamerabilder über den Sehnerv ans Gehirn projiziert. Was heute schon möglich ist und welche Entwicklungen die nächsten Jahre bringen könnten, darüber haben die Zukunftsforscher des Gottlieb Duttweiler Instituts eine umfassende Studie veröffentlicht.

Agenda

Konzerte des Jugendblasorchesters VBJ

22. Oktober 2017, 10.30 Uhr, Kongresshaus Biel
22. Oktober 2017, 16.00 Uhr, Halle des fêtes, Reconvilier
29. Oktober 2017, 10.15 Uhr, Kursaal Interlaken
29. Oktober 2017, 16.00 Uhr, KKT Thun

Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester auf Pro-Senectute-Jubiläumstournee

12. November 2017, 17.00 Uhr, Kursaal Bern

Das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester spielt live zu Charlie Chaplins «Modern Times». Die BEKB ist Jubiläumspartnerin und offeriert allen BEKB-Kunden CHF 10.– Partnerrabatt, einlösbar mit Onlinecode «Pro-Senectute» über www.ticketcorner.ch.

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Spannende Ausflugstipps

Es gibt unzählige Fleckchen, die sich wunderbar für einen Familienausflug eignen. Die BEKB präsentiert Ihnen online die schönsten Familienplätze Ihrer Region.

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