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Zeitreise in die Langsamkeit

Es klingelt, surrt und flimmert: Auch in der Ferienzeit fällt manch einem modernen Büroarbeiter das Abschalten schwer. Damit es doch gelingt, dafür sorgt eine Berner Hoteliersfamilie im verwunschenen Rosenlauital.

Ruhe vor dem grossen Weltenlärm. Freizeitgeniesser finden sie immer seltener, gerade in Zeiten, wo spartanische Jugendherbergen zu modernen Erlebnishäusern mutieren und wo die meisten SAC-Hüttenbesucher im drahtlosen Internet surfen. Wer sie sucht, findet sie trotzdem, die Momente fernab der digitalisierten Welt. Zum Beispiel im oberländischen Rosenlauital, dem Zufluchtsort oberhalb von Meiringen. Seit fast 250 Jahren schwelgen hier Hotelgäste in der Bergwelt samt Gletscherschlucht. 1861 vernichtet ein Grossbrand die traditionellen Gasthausliegenschaften. Aber schon kurz darauf erwacht das Hotel Rosenlaui in neuer Blüte, und im Jahr 1905 kommen weitere Räumlichkeiten im Belle-Époque-Stil dazu. Die Hüter der Hoteltradition sind Christine und Andreas Kehrli. Gemeinsam mit den drei Kindern führen sie den Familienbetrieb in der zweiten Generation. «Bei uns schlägt der Puls etwas langsamer als anderswo», so Christine Kehrli. Ganz bewusst soll der Feriengast das historische Ambiente spüren: Weite Teile des Hotels befinden sich im Originalzustand. Grossen Komfort sucht der verwöhnte Zeitgenosse darum vergebens, Toilette und Dusche finden sich auf der Etage. Anhänger moderner Kommunikationsmittel kommen nicht auf ihre Kosten: Radio und Fernsehen bieten die Hoteliers genauso wenig wie Internetanschluss, Handyempfang findet man derweil nur mit viel Geduld.

  • Fast ohne modernen Komfort empfängt das Hotel Rosenlaui seine Gäste in der Zeit des Belle Epoque.

Abschalten von der modernen Welt, einmal offline sein – es ist nicht das erste Ziel, das Christine Kehrli mit ihrem Betrieb verbindet. «Es ist schlicht so, dass wir in einem Funkloch liegen», schnauft die Gastgeberin, die im Hotel überall Hand anlegt, wo Not an der Frau ist. Aber die spezielle Lage, weit weg vom ständigen Leuchten und Brummen der heutigen Zeit, sie ist trotzdem das, was bei einem Besuch hängen bleibt. Für die Hoteliersfamilie sei die Abgeschiedenheit längst Alltag, «denn wir kennen ja nichts anderes». Handy würden sie und ihr Mann nicht brauchen, den Kindern genüge der Zugang in der Freizeit. Sie sei auch erstaunt, wie wenig das Thema bei ihren Gästen aufkomme. «Die Natur in nächster Nähe gibt so viel her, dass moderne Kommunikationsmittel schlicht keine Rolle spielen.» Nur ganz selten käme es vor, dass jemand wieder abreise, weil er das Surren und Klingeln im Hosensack vermisse. Oft ist es genau andersherum: Die Ruhe wirkt auf manche wie ein Magnet. Unter den wiederkehrenden Gästen ist etwa Andreas Hürsch. Er sagt: «Ich erlebe es als grosse Qualität, einmal offline zu sein.»

Abseits der Masse

Im Alltag hat der selbständige Architekt kaum die Freiheit, das Handy einfach einmal in der Tasche zu lassen. Ganz anders im Rosenlauital, wo er und seine Frau kürzlich zum zweiten Mal Ferientage verbracht haben. Einen konsequenten Verzicht will er sich dennoch nicht auferlegen, wie er schmunzelnd zugibt: «Wer einige Schritte vor das Hotel macht, kann ab und zu einige Handywellen abfangen.» Alles in allem sind es aber die Ruhe und die Natur, die ihn an den historischen Ort im Berner Oberland ziehen – Abendessen ohne Blicke auf eingehende SMS, Momente aus Spiel und Lesen in einem der gemütlichen Salons. Die Zeit schlägt für ihn in der ganzen Gegend langsamer: «Wenn ich das Rosenlauital mit anderen Bergdestinationen vergleiche, dann unterscheiden sie sich wie Tag und Nacht», so Andreas Hürsch. «Hier gibt es einfach keinen Lärm, und der Massentourismus ist weit weg.»

Ferien einmal offline – was die Gäste im Hotel Rosenlaui erwartet, gehört im Ausland bereits zum Standardangebot von findigen Touristikern. Denn die Offliner, Menschen, die sich bewusst aus der digitalen Welt ausklinken, nehmen in ihrer Zahl zu. Das glaubt Joël Luc Cachelin, Berner Ökonom und Zukunftsforscher, der mit «Offliner – Die Gegenbewegung zur Digitalisierung» ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. Ein Kurzinterview zu den Hintergründen.

  • Ökonom und Visionär Joël Luc Cachelin.

Joël Luc Cachelin, für Ihr Buch haben Sie 16 unterschiedliche Typen von Digitalisierungsgegnern gebildet. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Ich wollte in «Offliner» die Gründe aufzeigen, warum Menschen die Digitalisierung auch kritisch beurteilen oder vielleicht sogar Angst vor ihr haben. Hinweise auf Gegnertypen fand ich in den Medien, in Science-Fiction-Filmen und natürlich auch in meinem privaten Umfeld. Es ging mir aber nicht darum, diesen oder jenen Typus in der Realität exakt wiederzufinden, ich wollte damit vielmehr die Kehrseite der Digitalisierung besser strukturieren.

Sie beschreiben Digitalisierungsgegner wie die «Romantiker», die «Datenschützer», die «Einsamen» oder die «Nachhaltigen». Welche Ihrer 16 Typen haben denn heute den grössten Einfluss?
Am meisten Einfluss haben sicherlich jene Offliner, die wir bereits heute in den Medien besonders stark wahrnehmen. Das sind zum einen die «Nachhaltigen», also jene Schicht, die die Digitalisierung kritisiert, weil sie zu viele Abfälle hinterlässt, zu viel Energie verschlingt und damit letztlich die Lebensgrundlage für künftige Generationen gefährdet. An Bedeutung gewinnen auch die «Entschleuniger», die glauben, dass das Internet als Beschleunigungstreiber unsere Lebensqualität angreift. Und schliesslich geniessen heute natürlich die «Nationalisten» viel Aufmerksamkeit, man denke an die Wähler, die den amerikanischen Präsidenten Trump ins Amt gehievt haben.

Wird die Offliner-Bewegung als Ganzes ihren Einfluss in der Zukunft noch ausbauen können?
Es ist eine einfache Milchbüechli-Rechnung. Je bedeutender die Digitalisierung wird, desto stärker die Gegenbewegung. Im Moment sehen wir ja deutlich, wie die vernetzte digitale Gesellschaft unter Druck kommt. Zölle, Mauern, Ferien in der Schweiz oder auch hippe Antikulturen wie Slow Food und Digital Detox gewinnen an Bedeutung. Die Frage ist, ob die verschiedenen Argumente und Bewegungen in einer einzigen Gegenkultur zusammenfinden. Das hängt auch davon ab, wie die Treiber der Digitalisierung mit Kritikern und Skeptikern umgehen.

Sehen Sie sich selbst auch als Teil einer dieser Digitalisierungsgegnergruppen?
Ich denke, jeder von uns ist auf der einen Seite ein Befürworter und Profiteur der Digitalisierung. Sie vereinfacht den Alltag und macht unser Leben intensiver. Aber auch ich spüre und sehe die Gefahren der Digitalisierung. Situativ bin ich ein Entschleuniger, ein Situationist, ein Nachhaltiger oder ein Selbstverwalter. Aber ich sehe mich auch als Wanderer der Welten und Diplomat zwischen On- und Offlinern. Es wird darum gehen, das Beste aus beiden Welten zu kombinieren.

Agenda

Konzerte des Jugendblasorchesters VBJ

3. Mai 2018, Stadttheater, Langenthal
7. Mai 2018, Hotel National, Bern

BEKB-Familientage

26. Mai 2018, Gurten, Bern
3. Juni 2018, Studen
17. Juni 2018, Solothurn
11. August 2018, Utzenstorf
2. September 2018, Reconvilier

Sitzkissenkonzerte für Kinder ab 4 Jahre

13. März 2018, Stadttheater Bern
20. März 2018, Stadttheater Bern

Spannende Ausflugstipps

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