Von gestern bis morgen

Sechs Menschen, sechs Meinungen und diverse Vorstellungen: Nach einem Aufruf auf den Social-Media-Kanälen treffen wir vier Frauen und zwei Männer zum Gespräch über Ängste und Hoffnungen. Und merken schnell, dass Zukunft sehr viel mit Vergangenheit zu tun hat. Hier ein Auszug:

  • Myriam Imboden,1983. Die virtuelle Assistentin liest die Unendliche Geschichte.

  • Silvia Brunner, 1976, befürchtet den Supergau und arbeitet als Controllerin bei der SBB.

  • Daniel Wolf, 1962. Der Architekturhistoriker ist auf Wohnungssuche.

  • Barbara Cotting, 1965, ist Frau, Mensch und Weltbürgerin. Und Erwachsenenbildnerin.

  • Samuel Métraux, 1989, ist selbstständiger Architekt und trinkt gerne mal ein kühles Amber-Bier.

  • Gisela Bruggisser, 1955. Die Lieblingsfarbe der Künstlerin ist Aarewasserblau.


Was tust du heute für die Zukunft?

Silvia: Ich treibe Sport, ernähre mich gesund und trage Sorge zur Natur. Indem ich das täglich vorlebe, gebe ich es auch meinen drei Kindern mit auf den Weg. Sie sollen lernen, dass unsere Ressourcen nicht unendlich sind.
Barbara: Ich gleise momentan verschiedene Projekte in der ganzen Welt auf. In Marokko zum Beispiel arbeite ich zusammen mit Berbern am Aufbau von Oasen. So möchten wir mehr Touristen ins Land locken und den Menschen vor Ort eine bessere Lebensgrundlage bieten.
Gisela: Ich überlege mir, wie die Zukunft für mich persönlich aussehen soll. Heute gibt es so viel mehr Möglichkeiten als früher. Zum Beispiel Projekte, die alternative Lebensformen wie das Zusammenleben von verschiedenen Generationen fördern. Ich möchte aktiv, kreativ und sozial vernetzt alt werden.
Samuel: Darf ich für Daniel antworten? Als Architekturhistoriker rettet er für die Zukunft Vergangenheit.


Was macht dir Sorgen, wenn du an morgen denkst?

Silvia: Ich befürchte, irgendwann gibt es den Supergau, und alles bricht zusammen, weil wir keine Ressourcen mehr haben. Und wir fangen bei null an, befinden uns sozusagen wieder in der Steinzeit. Wir müssen jetzt die Notbremse ziehen und Sorge zur Welt tragen.
Gisela: Temperaturen, die ansteigen, Eis, das schmilzt, mehr Flüchtlinge aus benachteiligten Regionen, die nach Europa wollen, zunehmende Fremdenfeindlichkeit, Populismus und der politische Rechtsrutsch in Europa – das sind Themen, die mir Angst machen.
Barbara: Ich habe aufgehört, mir Sorgen zu machen. Es bringt nichts. Das Leben findet hier und heute statt. Ich plane nur kurzfristig und bleibe flexibel.
Daniel: Das sehe ich ähnlich. Seit zwei Monaten habe ich keine Wohnung mehr, mir hat die Zeit gefehlt, eine neue zu suchen. Deshalb bin ich bei einem Kollegen untergekommen. Gleichzeitig habe ich mich kürzlich erneut selbstständig gemacht. Immer wieder werde ich mit der Frage konfrontiert: «Kannst du dir diesen Lebensstil leisten?» Meine Antwort ist immer dieselbe: «Im Moment gehts, danach sehen wir weiter.»
Myriam: Interessant ist ja, dass die älteren Generationen dasselbe zu beschäftigen scheint wie die jüngeren. Die ständige Bewegung hält auch jung.
Daniel: Natürlich gibt es Gedanken, die im Hinterkopf dauernd präsent sind und die ich für die Zukunft angehe, beispielsweise die private Pflegevorsorge. Denn jetzt kann ich noch selbst entscheiden, wo ich mich im Alter sehe.


Was sind deine persönlichen Wünsche?

Daniel: Als ich jünger war, hatte ich klare und hoch gesteckte Ziele, weshalb ich oft mein berufliches über mein privates Leben gestellt habe. Heute lege ich mehr Wert darauf, mir Freiräume zu schaffen, Zeit für mich zu nehmen.
Samuel: Ich wünsche mir mehr Freude. Und zwar für jede und jeden. Freude an dem, was man macht, egal, was das gerade sein mag. Ich wünsche mir, das die grimmigen Gesichter aus den Trams, den Clubs, den Supermärkten verschwinden. Es geht doch darum, möglichst jeden Moment zu geniessen.
Gisela: Da schliesse ich mich an. Im Hier und Jetzt leben, Momente auskosten, sich auf die Situation einlassen – das ist es, was zählt. Ich bin pensioniert, aber immer noch als Künstlerin tätig. Heute arbeite ich ohne Druck und mache, wonach mir der Sinn steht. Früher war ich viel rastloser unterwegs. Diese neue Gelassenheit geniesse ich. Trotzdem lebe ich achtsam und bewusst und informiere mich über die Probleme unserer Zeit.
Myriam: Ich will in Zukunft machen, was mir richtig erscheint, und weniger das, was andere von mir erwarten. Ich habe mich erst kürzlich selbstständig gemacht, ein grosser Schritt für mich. Viele haben mir davon abgeraten, mir erklärt, was alles schiefgehen könnte. Kaum jemand hat mich ermutigt. Dabei bin ich im letzten halben Jahr mehr mich selbst als die 36 Jahre davor! Und wenn ich mir die anderen so anschaue, scheinen sie mir oft nicht glücklich. Ich plädiere für mehr Mut und weniger Pessimismus.
Barbara: Das kenne ich. Viele Menschen übertragen ihre Ängste auf andere. Ich kriege auch immer wieder zu hören, dass ich etwas verrückt sei. Ja, ich bin verrückt, trete dafür aber nicht auf der Stelle.
Daniel: Nur wer ab und zu neben den Schuhen steht, hat die nötige Distanz für einen Überblick.
Samuel: Sich selbst treu sein ist sicher wichtig. Aber auch der Austausch mit Menschen beflügelt mich. Ich bin froh, sitze ich nicht allein im Büro, sondern mit einer zusammengewürfelten Truppe aus verschiedenen Unternehmen. Die täglichen Gespräche mit Fachleuten, aber auch mit Laien der Architektur bringen mich enorm weiter.


Was erhoffst du dir von der Zukunft?

Barbara: Dass sich die Technologie im Einklang mit der Ökologie entwickelt. Wir müssen aufhören, ärmere Länder auszubeuten, ihre Rohstoffe zu plündern. Die heutige Situation stimmt mich traurig. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt – und ich wohl noch vor ihr.
Myriam: Ich glaube, die Technologien gäbe es längst, nur lässt sich daran vielleicht nicht viel verdienen. Die Gier der Menschen ist einfach zu gross.
Samuel: Vielerorts auf der Welt läuft so einiges schief. Trotzdem darf man auch die guten Entwicklungen nicht vergessen. Ich finde es toll, wird beispielsweise die Artenvielfalt der Tiere in der Schweiz gefördert. Der Zoo hat heute ganz eine andere Funktion als früher. Es geht um die Arterhaltung, viel wird investiert, damit aussterbende Tiere geschützt werden.
 

 

Wie wird das Morgen deiner Meinung nach aussehen?

Daniel: Irgendwann übernehmen Roboter die Altenpflege, weil es keiner von uns mehr machen will. Ich weiss nicht, ob ich das möchte. Aber vielleicht bin ich dann in einem Zustand fortschreitenden Zerfalls, wo ich den Unterschied sowieso nicht mehr merke.
Gisela: Vielleicht kommt auch hier wieder eine Kehrtwende, und die Wirtschaft erkennt den Wert von sozialen Kontakten. Ich kann mich an meine Jugendtage voller Insekten erinnern: Beim Velofahren landeten sie ständig im Mund, beim Autofahren unter den Scheibenwischern. Alle wollten sie loswerden. Jetzt sind sie fast verschwunden, und die Gemeinden fördern Grünflächen, um den Insekten eine Lebensgrundlage zu bieten. Denn heute wissen wir, wie wichtig sie sind. Deshalb denke ich, dass auch das Bewusstsein über den Wert von zwischenmenschlichen Beziehungen wieder grösser wird, sobald wir weniger davon haben.
Samuel: Ich glaube, in Zukunft werden das Netzwerkdenken, die übergeordnete Zusammenarbeit und der Aufbau von Beziehungen immer wichtiger.


Was bedeutet für dich Nachhaltigkeit?

Gisela: Solche ökologischen Bedenken kommen immer in Schüben. Als meine Generation jung war, gehörten das Waldsterben und der Borkenkäfer zu den grossen Themen. Natürlich hoffe ich, dass die Klimaerwärmung und der Artenschwund nicht weiter so drastisch voranschreiten.
Myriam: Eine Freundin von mir besitzt einen Bio-Hof. Das finde ich sehr spannend und sinnvoll, die umweltschonende Lebensweise hat definitiv Zukunft.
Silvia: Meine beiden älteren Töchter sind sehr affin für das Thema Umweltschutz, sie wurden vor allem durch die Social-Media-Kanäle darauf aufmerksam. Sie machen sich Gedanken, die eine wollte das letzte Wochenende damit verbringen, Abfall einzusammeln. Medien beeinflussen gerade die jüngere Generation durchaus auch positiv.


Welche Erwartungen hast du an die Zukunft?

Gisela: Die Fridays-for-Future-Bewegung fasziniert mich und gibt mir Hoffnung. Junge Menschen, die auf die Strasse gehen und sich für etwas einsetzen. Ich setzte auch auf die Vernunft der Menschen und auf Lösungen aus der Forschung.
Myriam: Wer bei sich anfängt, etwas für die Zukunft der Menschheit zu tun, kann die Ohnmacht, die einen vielleicht manchmal einholt, etwas eindämmen. Immer nur andere kritisieren, damit kommen wir nicht weit.
Samuel: Ich finde, die Menschen sollten mehr Reggae hören: schöne Musik, die entspannt, zusammenbringt und von Liebe spricht.
Barbara: Mich stimmt positiv, dass es nebst dem Elend immer auch ein Gegengewicht gibt. Die einen roden Wälder, die anderen pflanzen Bäume. Ich habe zeitweise Flüchtlingskinder betreut. Teilweise brachten die einen unglaublichen Erfahrungs- und Wissensschatz mit sich, waren willensstark und haben selbst nach den schlimmsten Erlebnissen ihren Humor und ihr gutes Herz nicht verloren. Das sind wertvolle Ressourcen.

Text: Laura Marti

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