Alte Velos für neues Glück

Es gibt Velos, um schneller von A nach B zu kommen. Und es gibt die Velos von Velafrica. Nicht nur wer mit ihnen fährt, kommt vorwärts – sondern auch, wer an ihnen arbeitet.

Auf den Sattel, fertig, los. Mit dem Velo, da kommt man vorwärts. Bei den kleinen Erledigungen im Alltag. Aber auch bei vielem anderem. Zum Beispiel in Afrika. Hier ist ein grosser Teil der Bevölkerung nur zu Fuss unterwegs. Mit dem Velo könnten die Menschen dreimal mehr Ware in einem Viertel der Zeit transportieren. Oder den täglichen Schulweg um gut und gerne vier Stunden verkürzen, wichtige medizinische Güter viel schneller zu den Kranken bringen.

Schön, wenn es so wäre? All das ist zum Teil schon Realität. Und geht zurück auf einen beschaulichen, etwas versteckten Bau im Liebefeld bei Bern: die Exportwerkstatt von Velafrica. An der Decke hängen ausrangierte Veloräder. Allerhand Ersatzteile stecken in prall gefüllten Kisten. Menschen eilen geschäftig hin und her. «In unserer Werkstatt rezyklieren wir alte Velos, die in der Schweiz nicht mehr im Einsatz sind, und machen sie bereit für den Transport nach Afrika», erklärt Matthias Maurer, Co-Unternehmensleiter von Velafrica.
 

Werkstatt als Teil von etwas Grossem

Velos aller Art warten hier im Montageständer – vom gemütlichen Damenfahrrad bis zum Mountainbike. Bremsen, Ketten, Sättel und Schaltungen: Alles wird inspiziert und wenn möglich wieder flottgemacht. Drahtesel in allzu schlechtem Zustand landen im Ersatzteillager. An guten Tagen hauchen die Mechaniker bis zu 40 Velos neues Leben ein, im Jahr sind es bis zu 4000. Dabei ist die Werkstatt im Liebefeld nur ein Teil von etwas Grösserem: Velafrica unterhält 34 Partnerwerkstätten in der ganzen Schweiz, dieses Jahr sollen rund 22 000 Velos exportiert werden.

Die Zentrale im Berner Vorort ist zugleich der Ort, an dem vor über 25 Jahren alles angefangen hat. Damals hat das Sozialunternehmen Drahtesel erste ausgediente Velos instand gesetzt, das Ganze ist mit Velafrica eine Erfolgsgeschichte geworden. Rund 240 000 Fahrräder haben bis heute dankbare Abnehmer gefunden. Die Velomobilität in Afrika zu fördern, war dabei immer nur eines der Ziele. Denn vorwärtskommen und bessere Perspektiven schaffen – das soll auch in der Schweiz möglich sein. Velafrica ist auch ein Integrationsprojekt.

Alle Partnerwerkstätten sind Einrichtungen mit sozialem Zweck, darunter auch einige Justizvollzugsanstalten. Am Standort in Liebefeld arbeiten ausschliesslich Menschen aus dem Migrationsbereich, anerkannte oder vorläufig aufgenommene Geflüchtete. Einer von ihnen ist Hyscent Zowku. Der Kameruner hat seine Heimat vor zwei Jahren verlassen. Seither ist viel passiert. «Mein Herz hängt sehr an Velafrica, die Arbeit hier hat mich in der Schweiz weit gebracht.» Der 26-Jährige hat Arbeitserfahrung in einem neuen Bereich gesammelt, Deutsch gelernt und sich ein neues Umfeld aufgebaut.
 

  • In der Exportwerkstatt stapeln sich die Velos, die Freiwillige jedes Jahr zu Tausenden an Velafrica spenden.

  • In der Werkstatt in Liebefeld machen ausschliesslich Menschen aus dem Asylbereich alte Velos wieder flott.

  • Hyscent Zowku aus Kamerun absolviert bei Velafrica eine Vorlehre zum Velomechaniker.

  • Die reparierten Velos füllen in Liebefeld jede Woche einen ganzen Container.

  • Das Integrationsprojekt lebt auch dank lokalen Partnern in Afrika.

  • Nicht mehr genutzte Velos aus der Schweiz finden in Afrika dankbare neue Abnehmer.


Sozial durch und durch

Die meisten Asylsuchenden verbringen drei bis sechs Monate im Liebefeld und absolvieren ein Praktikum. Bei Hyscent Zowku ist mehr daraus geworden – eine einjährige Vorlehre zum Velomechaniker. Mit dieser Erfahrung zählt er heute bereits zu den erfahrenen Velotüftlern. «Am Anfang war ich auf viel Hilfe angewiesen», erinnert er sich. «Heute kann ich neue Kollegen bereits selbst anleiten, und das fühlt sich grossartig an.» Schritt für Schritt finden die anfangs fachfremden Veloneulinge in ihre Aufgabe hinein und prüfen die Occasionsfahrräder schliesslich von A bis Z. Unterstützung erhalten sie auch von anderen erfahrenen Köpfen: vom Werkstattleiter oder von Zivildienstleistenden, die bei Velafrica ihren Dienst tun.

Sich sozial und für eine bessere Zukunft zu engagieren – diese Idee zieht sich über die ganze Lieferkette. Veloabnehmer sind Partner in sieben Ländern, von Tansania bis Madagaskar, die lokal ebenfalls Ausbildungsplätze anbieten. Velafrica sorgt also dafür, dass viele Menschen neue Perspektiven erhalten. Auch wenn sie einem Ziel manchmal nur in kleinen Schritte näherkommen. Oder wenn manch ein Schritt ins Ungewisse führt.

Hyscent Zowku schliesst seine Vorlehre in der Liebefelder Exportwerkstatt demnächst ab, ohne zu wissen, ob sein Asylantrag bewilligt wird. Co-Unternehmensleiter Matthias Maurer ist jedoch überzeugt, dass Velafrica die Menschen vorwärtsbringt. Und wenn man berücksichtige, dass ein exportiertes Velo mehrere Nutzer finde, dann seien die Zahlen eindrücklich. «Bisher haben wir rund eine Million Menschen mobiler gemacht und ihnen damit ein leichteres Leben ermöglicht.»

Marc Perler

Raus aus dem Keller

Das soziale Unternehmen Velafrica ist auf Spenden angewiesen, und zwar in erster Linie auf Velospenden. Wer ein ungenutztes Velo im Keller stehen hat, kann es für einen guten Zweck an einem der rund 400 Sammelstellen in der Schweiz gratis abgeben. Genauere Angaben, wo Sie Ihr Velo in Ihrer Nähe abliefern können, finden Sie im Suchkonfigurator bei Velafrica.

Agenda

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29. Oktober, BEKB-Betriebsgebäude, Liebefeld
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16. Oktober bis 21. November 2020
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