Schritt für Schritt vorwärts

Schuhe schnüren, Rucksack schultern und vorwärts – die meisten Schweizerinnen und Schweizer begeben sich regelmässig auf Berggipfel, Feldwege oder einsame Strassen. Wandern gehört zu unserer Kultur wie Käse und Schokolade. Was viele nicht wissen: Durch die Schweizer Landschaft schlängeln sich auch Teile des Jakobswegs. Wir machen uns auf den Weg und berichten.

375 Stunden, 1707 Kilometer. So weit ist es von Bern bis nach Santiago di Compostela in Spanien, sagt Google. Über Genf nach Lyon, Conques, Moissac, über die Grenze zu Spanien nach Pamplona, Burgos, Léon, Ponferrada und schliesslich zum Ziel. Dort nämlich befindet sich das Grab von Jacobus Maior, Jakobus dem Älteren. Kennen Sie nicht? Er war einer der zwölf Apostel Jesu Christi und ist Namensgeber des berühmten Jakobswegs.
 

Jakob weist den Weg

Der Jakobsweg also. In erster Linie wird darunter der Camino Francés, der französische Weg, verstanden. Er führt rund 800 Kilometer quer durch den Norden Spaniens, von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela, und ist seit 1993 als UNESCO-Welterbe eingetragen. Hinzu kommt eine Vielzahl weiterer Pilgerwege, die sich durch ganz Europa winden. Auch durch die Schweiz führen mehrere Äste des Wegs. Heute machen wir uns selbst auf die Socken. Bis nach Spanien reicht es nicht ganz, aber wir bewandern die Strecke vom Krauchthal über Zimmerberg bis nach Burgdorf.
 

In Stein gemeisselt

Kaum gestartet, geraten wir bereits auf Abwege: Ein Abstecher zum stillgelegten Steinbruch? Verlockend. Wir nehmen den Umweg in Kauf, wandern auf einem schmalen Pfad über eine Schafweide in den Wald und bis zum Steinbruch. Zwischen den hohen Felswänden hindurch, die wie ein prächtiges Tor wirken, treten wir ein. Der Blick gleitet nach oben, die steinigen Flanken nehmen kein Ende, der Himmel scheint weit weg. Die mystische Stimmung passt gut, alte Werkzeuge beim Eingang erzählen aus längst vergangenen Tagen, aus Zeiten, als Sandstein in mühseliger Handarbeit gebrochen wurde.
 

  • Kaum vorstellbar, dass die Steinblöcke früher mit diesen Werkzeugen und reiner Muskelkraft herausgemeisselt wurden.

  • Durch den märchenhaften Wald bis zur Chrüzflue.

  • Endlich, die Sonne! Und eine wunderbare Aussicht.

  • Unsere Etappe: von Krauchthal bis Burgdorf.

  • Perfektes Picknickplätzchen: Kurz vor Burgdorf erstrecken sich Felder und Wiesen.

  • Burgdorf bereits vor Augen, nehmen wir die letzten Meter in Angriff.


Von Wäldern und Bäumen

Langsam fröstelt es uns. Wir wollen an die Sonne. Und steigen gleich noch etwas höher, den Wald hinauf, über Wurzeln und Steine, bis zur Chrüzflue auf 687 Metern über Meer. Belohnt werden wir mit einer weiten Aussicht und einem idealen Pausenraum: Im lauschigen Pavillon halten wir kurz inne, geniessen die Ruhe und einen Schluck Wasser, bevor wir auf den Jakobsweg zurückkehren. Jetzt geht es durch den Wald auf den Eiberg, ein steiler Aufstieg, der sich schnell in den Waden bemerkbar macht. Oben erstreckt sich die Sicht weit über die Emmentaler Hügel. Eine zweite Pause liegt jetzt nicht drin, wir haben noch ein ganzes Stück vor uns.

So wandern wir mal bergauf, mal bergab, meist durch wunderschöne Wälder. Eybergwald, Dieterswald oder Pleerwald heissen sie. Immer wieder tauchen wir ein in den kühlen Schatten der Bäume, was eine feine Gänsehaut verursacht. Lichtungen werden von Sonnenstrahlen durchflutet, wir hören Vögel und ab und zu ein Rascheln. Die Stimmung ist ruhig, schon ein wenig mystisch, geheimnisvoll. Und irgendwie stark. Die kontinuierliche Bewegung hat etwas Meditatives, selten sind wir so still wie auf dieser Tour. Schritt für Schritt, einfach gehen, nur mit dem Ziel, sich vorwärtszubewegen. Auf 714 Metern über Meer sind wir in Zimmerberg, einem Hochplateau mit geschichtsträchtigen Bauernhäusern, eingebettet zwischen dem Unterbergen- und dem Luterbachtal.
 

Wandern und wandeln

Wie ist es, auf dem Pilgerweg zu wandern? Fühlt es sich anders an? Spiritueller? Schon ein wenig, für uns jedenfalls. Das liegt vor allem am Bewusstsein, dass wir auf einem ganz speziellen Pfad gehen. Die Achtsamkeit ist grösser, das Wahrnehmen bewusster. Wäre es dasselbe, wüssten wir nicht, auf was für einem Weg wir gehen? Wer weiss. Es spielt im Moment auch keine Rolle.

Wir lassen Schupposen und schliesslich Gansern hinter uns. Kurz vor Burgdorf Steinhof führt der Weg einer prächtigen Wiese entlang – ob man die Blumen wohl pflücken darf? Wir lassen es lieber nicht darauf ankommen. Bald haben wir es geschafft, Steinhof liegt nur noch einen Steinwurf entfernt, im Hintergrund ist bereits das Schloss Burgdorf zu sehen. Doch vor dem Abstieg Richtung Stadt geniessen wir unter einem schönen Baum eine ausgedehnte Mittagspause mit Picknick. Und entfliehen so noch eine Weile der Hektik des Alltags.

Laura Marti

Warum pilgern Menschen?

Ein Pilger, früher sagte man Pilgrim, ist jemand, der sich in der Fremde befindet. Die Bezeichnung stammt vom lateinischen Wort peregrinus ab. Pilgernde begaben bzw. begeben sich aus unterschiedlichen Gründen auf den Jakobsweg: Es kann eine auferlegte Busse sein, das Bemühen, durch einen Ablass den auferlegten Strafen für Sünden zu entgehen, der Wunsch nach einem Wunder, nach einer geistigen oder körperlichen Heilung, die Sehnsucht nach geistlicher Vertiefung oder einfach nur die Freude am Wandern. Während es 1970 noch 68 Pilgernde waren, legten im Jahr 2019 total 34 7538 Personen den ganzen Weg, die Strecke durch Spanien oder zumindest die letzten 100 Kilometer zurück – zu Fuss, auf einem Pferd oder mit dem Fahrrad.

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