Über die Zeilen eilen

Als Teilzeit arbeitende Mutter ist Zeit für Barbara Studer ein knappes Gut. Deshalb hat sich die Neuropsychologin eine besondere Fertigkeit angeeignet: Sie kann schnelllesen – und kommt damit bis zu viermal schneller vorwärts als in normalem Lesetempo.

Barbara Studer, was genau ist Schnelllesen?
Liest man in normalem Tempo, schafft man etwa 250 Wörter in der Minute. Das entspricht etwa einer Seite. Mit Schnelllesen kann man das Doppelte, das Drei- oder sogar das Vierfache erreichen. Bei dieser Lesetechnik hüpft man über die Zeilen, statt zu schleichen: Man liest nicht Wort für Wort, sondern nutzt die ausgeprägte periphere Sicht zum Lesen. Man fokussiert nur auf zwei bis drei Punkte pro Linie und nimmt trotzdem die ganze Zeile auf. Um gut hüpfen zu können, müssen wir unsere «Lesemuskeln» etwas trainieren.

Man kann diese Technik also erlernen?
Klar, das ist nicht schwierig. Es braucht einfach – wie bei vielem anderen auch – etwas Übung und Training. Am einfachsten kann man das Schnelllesen mit einem Lesetempomacher (sogenanntem Pacer) trainieren. Dazu nimmt man zum Beispiel einen Stift oder den Finger und fährt damit in einem bestimmten Tempo unter der Zeile entlang. Die Regel dabei: Immer dem Finger folgen und nicht im Satz zurückhüpfen. Die Augen werden von der Fingerbewegung angezogen und können somit einfacher mit dem Tempo mithalten. So kann man sukzessive das Tempo des Pacers und damit auch das Lesetempo erhöhen.

Wie lange braucht man, bis man gut schnelllesen kann?
Das kommt ganz darauf an, wie intensiv man übt und wie häufig man die Technik anwendet. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Studierende schon nach ein paar Minuten Üben und mit der Anwendung eines Pacers ihr individuelles Lesetempo um 25 Prozent erhöhen können. Sie sind jeweils selbst ganz überrascht davon. Um das Lesetempo zu verdoppeln oder sogar noch mehr zu steigern, braucht es natürlich etwas mehr Übung. Ein paar Wochen mit regelmässigem Training reichen aber für das Erreichen dieses Ziels oft schon aus.

Ist Schnelllesen anstrengender als normales Lesen?
Grundsätzlich ist für unser Gehirn alles Ungewohnte anstrengend. Am Anfang geht das einem auch beim Schnelllesen so. Unser Gehirn ist aber dank seiner Plastizität sehr anpassungsfähig und schon nach kurzer Zeit gewöhnt man sich an das erhöhte Lesetempo und kann es kontinuierlich hochschrauben.

Wofür empfehlen Sie das Schnelllesen?
Das Schnelllesen kann man grundsätzlich bei allen Arten von Lesestoff anwenden. Bei komplexer und dichter Fachliteratur, bei der wir jedes Detail verstehen müssen, um den ganzen Inhalt zu erfassen, ist Schnelllesen nicht sinnvoll. Auch wenn mehr der Genuss des Lesens und weniger die Informationsaufnahme im Zentrum steht, rate ich vom Schnelllesen ab. Lassen Sie einen schönen Text ruhig auch mal auf sich wirken.

Kann man sich den Inhalt eines Textes beim Schnelllesen tatsächlich merken?
Es ist ein Trugschluss, dass man weniger aufnehmen und speichern kann, wenn man schneller liest. Wenn wir langsam lesen, beschäftigt sich das Gehirn oft selbst mit anderen Informationen, und wir sind abgelenkt und somit weniger aufnahmefähig. Das kann man mit einem langsam fahrenden Auto, das wir lenken, vergleichen. Da können wir gemütlich die Landschaft um uns herum betrachten. Erhöhen wir aber das Tempo, müssen wir uns ganz auf die Strasse konzentrieren. Genau so sind wir fokussierter und ist die Aufnahmefähigkeit erhöht, wenn wir schnell lesen. Wir dürfen unserem Supercomputer das schnelle Aufnehmen und Speichern durchaus zutrauen. Oft hindert uns unser limitierender Glaube, nicht unsere Gehirnkapazität.

Sollte man sich beim Schnelllesen Notizen machen oder besser darauf verzichten?
Ich empfehle, eine ganze Seite oder sogar ein ganzes Kapitel zu lesen, bevor man die Kernaussagen markiert oder sich Notizen zu den zentralen Punkten macht. Dies aus zwei Gründen: Wenn wir den Lesefluss oft unterbrechen, können wir nicht richtig in den sogenannten «Leseflow» kommen, das heisst in den Zustand, in dem wir richtig in den Text eintauchen, den Inhalt leicht aufnehmen und die Zeit vergessen. Zudem kann man meist erst nach dem Lesen eines Kapitels eruieren, welches die Kernaussagen eines Textes sind.

Wie sind Sie selbst zum Schnelllesen gekommen?
Als Teilzeit arbeitende Mutter bin ich grundsätzlich an allen Techniken interessiert, die mir dazu verhelfen, in kurzer Zeit möglichst viel zu erreichen. So kann ich meine vielen Ideen verwirklichen und trotzdem möglichst viel Zeit mit meiner Familie verbringen. Für meine Arbeit muss ich viel Fachliteratur lesen, um auf dem neusten Stand der Forschung zu bleiben. Ich bin darauf angewiesen, dass ich Literatur schnell lesen kann und habe mir die Technik darum angeeignet.

Wem empfehlen Sie diese Lesetechnik?
Schnelllesen eignet sich für Personen, die für die Arbeit oder persönliche Interessen gerne viel lesen. Speziell natürlich für Studierende, die dadurch mehr Zeit haben, um sich den Prüfungsstoff einzuprägen und damit auch freie Zeit gewinnen. Und da Lesen per se etwas sehr Gewinnbringendes für unsere Hirnfitness und unser Wohlergehen ist, birgt Schnelllesen Chancen speziell für Personen, die viele andere Verpflichtungen haben. Natürlich soll man aber auch immer mal wieder einen Text gemütlich und achtsam lesen, die Wörter und Sätze genüsslich «auf der Zunge zergehen» lassen und einfach den ruhigen Moment geniessen. Wie in vielen Bereichen gilt es auch hier, eine gesunde Balance zu finden.

Barbara Zesiger

Anleitung: So lernen Sie das Schnelllesen

  1. Befreien Sie sich von dem limitierenden Glauben, dass Sie das Gelesene schlechter verstehen, wenn Sie schnell lesen. Ihr Gehirn kann viel mehr, als Sie denken.
  2. Sprechen Sie beim Lesen innerlich mit? Hören Sie damit auf. Es hindert Sie daran, schneller vorwärtszukommen. Unsere Augen können schneller lesen, als wir das Gelesene vokalisieren können. Versuchen Sie darum, sich das innerliche Mitsprechen beim Lesen, das sogenannte Subvokalisieren, abzutrainieren. Dazu hilft es beispielsweise, während des Lesens zu summen, rückwärts zu zählen oder einen Kaugummi zu kauen.
  3. Lesen Sie flüssig, und springen Sie im Satz nicht zurück (sogenannte Regression). Um das zu verhindern, eignet sich das Einsetzen eines Pacers sehr gut (siehe Erklärung im Text oben). Erhöhen Sie kontinuierlich das Tempo des Pacers.
  4. Für die Tempoerhöhung hilft die 4-3-2-1-Methode: Lesen Sie während vier Minuten und markieren Sie, wie weit Sie in dieser Zeit gekommen sind. Nun versuchen Sie denselben Textabschnitt in drei Minuten zu lesen, dann in zwei und am Schluss in einer Minute.
  5. Üben, üben, üben!

Zur Person

Barbara Studer ist Neuropsychologin und Dozentin. Sie leitet die Fachstelle für Lernen und Gedächtnis der Universität Bern. Als Initiantin von hirncoach.ch erstellt sie mit ihrem Team Impulse für die Förderung der mentalen Fitness und Gesundheit. Wenn Sie gerne alle zwei Wochen Übungen von «Hirncoach» zugeschickt bekommen möchten, können Sie sich hier kostenlos und unverbindlich registrieren: hirncoach.ch/anmeldung.

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