Sich von Vorurteilen lösen

Mirco Droz (25) erinnert sich nur ungern an seine eigene Schulzeit. Trotzdem besucht er als Präsident des Vereins ABQ regelmässig Berner Klassenzimmer, um mit jungen Menschen unter anderem über Homo-, Bisexualität und Transgender zu sprechen. Mit dem Ziel, Vorurteile abzubauen, und dem Wunsch, dass das Schulprojekt in Zukunft gar nicht mehr nötig ist.

Mirco Droz, Sie erzählen Schulklassen Ihre Coming-out-Geschichte. Was motiviert Sie?
Ich finde es sehr spannend, mit jungen Leuten zu interagieren. In meiner Schulzeit hätte ich mir Bezugspersonen, die über ihre eigenen Erfahrungen sprechen, gewünscht. Im Aufklärungsunterricht kam das Thema sexuelle Orientierung und geschlechtliche Vielfalt gar nicht vor. Deshalb finde ich es schön, kann ich heute Schülerinnen und Schülern aufzeigen, dass es okay ist, wie sie sind. Kürzlich hat mich sogar eine ehemalige Lehrerin für einen Besuch in ihrer Klasse kontaktiert. Diese Erlebnisse und das Auseinandersetzen mit meiner eigenen Geschichte bestärken mich darin.

Wie haben Sie selbst die Schulzeit erlebt?
Für mich war die Schule leider keine schöne Zeit. Ich musste die Klasse wechseln, weil ein Schulkollege aufgrund seiner sexuellen Ausrichtung gemobbt wurde. Ich hielt das nicht aus. Mich selbst habe ich lange Zeit verleugnet. Schliesslich outete ich mich Ende der 9. Klasse. Durch ein soziales Netzwerk der LGBTQ-Community (siehe Infobox) lernte ich homosexuelle Menschen kennen. Ich sah, wie normal sie sind. Das machte mir Mut. Vom Moment an, als ich zu meiner Neigung stand, hatte ich keine Probleme mehr. Persönliche Begegnungen sind deshalb ein wichtiger Bestandteil der Schulbesuche.

Welche Ziele verfolgt das Schulprojekt ABQ?
Es geht darum, Vorurteile abzubauen und über LGBTQ-Themen aufzuklären. Wir zeigen auf, dass das eine nicht besser oder schlechter als das andere ist. Wir stellen offene Fragen, die alle betreffen. So stärken wir Heterosexuelle in ihrem Bewusstsein über die eigene Sexualität und mindern Unsicherheiten bei Queer-Personen (siehe Infobox).

Und wie gelingt es, Vorurteile abzubauen?
Das Wichtigste ist, den Personen aufzuzeigen, dass sie Menschen sind wie alle anderen. Oftmals fehlt dafür die reale Begegnung. Durch den persönlichen Kontakt, das Vermitteln von LGBTQ-Themen und das Erzählen unseres Lebenswegs bauen wir Vorurteile ab. Kommunikation ist ein zentraler Punkt.

  • Mirco Droz, Hélène Fournièr, Nadine Hubacher, Noemi Herrmann, Tobias Rohrbach und Maja Krämer (v.l.n.r.) bilden den Kern des Vereins ABQ. Pro Schuljahr führt dieser in den Kantonen Bern, Freiburg und Jura ca. 35 Schulbesuche durch. (Hinweis: Das Foto entstand vor der Pandemie.)

  • 2019 feierte der Verein ABQ das 20-Jahr-Jubiläum. Das Projekt wird heute von rund 20 aktiven Schulbesuchenden in die Schulen getragen.

  • Das Thema «Gleichgeschlechtliche Liebe» ist in verschiedenen Bereichen des Lehrplans 21 verankert. Das vom Kanton Bern unterstützte Schulprojekt «ABQ» eignet sich gut für den NMG-Unterricht (Natur-Mensch- Gesellschaft). (Hinweis: Das Foto entstand vor der Pandemie.)

Wie kann man sich einen solchen Schulbesuch vorstellen?
Vier Männer, Frauen oder Transpersonen aus unserem Verein besuchen auf Anfrage der Lehrpersonen für einen halben Tag eine Klasse. Wir beginnen mit einem Aufwärmspiel, in dem es um die verschiedensten Merkmale von Menschen geht. Dann arbeiten wir anhand von Plakaten an den Themen Freundschaft, Beziehung und Coming-out. Wir schauen uns auch die rechtliche Lage in der Schweiz und diejenige im Ausland an. Also beispielsweise, wo Homosexuelle heiraten dürfen oder wo Gefängnis oder die Todesstrafe drohen. Die Definitionen zur sexuellen Orientierung und Identität gehen wir mit einer Art Begriffsmemory durch. Zum Abschluss gibt es eine offene Fragerunde, wo alle anonym auf ein Zettelchen schreiben dürfen, was sie noch wissen möchten.

Wie reagieren die Schülerinnen und Schüler auf die Besuche?
Sie sind sehr offen. Ich persönlich habe noch nie eine schlechte Erfahrung in einer Klasse gemacht. Aber hin und wieder sind Jugendliche uns gegenüber negativ eingestellt und äussern dies auch. Andere Schulbesucherinnen und -besucher aus unserem Projekt haben in den Schulen auch schon schwierige Situationen erlebt. Überwiegend sind die Reaktionen und Rückmeldungen aber positiv.

Die meisten Jugendlichen sind bereits sehr offen, warum braucht es das Schulprojekt weiterhin?
Diversität und Gleichstellung sind grosse Themen in der Gesellschaft, die uns noch lange beschäftigen werden. Nehmen wir als Beispiel die Ehe für alle. Ich merke, dass Jugendliche diesbezüglich tendenziell offener sind als Erwachsene. Einige meinen sogar, die Ehe für alle sei bereits umgesetzt. Von manchen Erwachsenen würde ich mir hingegen mehr Offenheit wünschen. Das Ziel ist aber schon, dass es unseren Verein in Zukunft gar nicht mehr braucht.

Welche Erfahrung machen Sie mit den Lehrpersonen?
Die Zusammenarbeit ist sehr gut. Das Thema sexuelle Orientierung ist Teil des Lehrplans 21. Wir unterstützen die Lehrpersonen bei der Umsetzung. Uns sieht die Klasse oftmals nur einmal. Die Schülerinnen und Schüler können also offen im kleinen Rahmen ihre Fragen stellen. Vor den Lehrpersonen wäre die Hemmschwelle viel höher. Die Nachfrage nach unserem Angebot steigt. Besuchten wir bisher im Schnitt etwa 40 Klassen pro Jahr, hatten wir allein in den letzten Monaten bereits 20 bis 30 Anfragen.

Was kann man selbst dafür tun, um Vorurteile abzubauen?
Vorgefertigtes hinterfragen und achtsam damit umgehen, was man sagt. Nicht alles glauben, was andere sagen, sondern sich informieren, den Dialog suchen und sich eine eigene Meinung bilden. Eigentlich nichts Anderes, als was auch in allen anderen Bereichen des Lebens gilt.

Text: Nathalie Stöckli

Bilder: Verein ABQ

Mirco Droz

Mirco Droz studiert Kommunikation und ist in den Bereichen Journalismus und Marketing tätig. Seit drei Jahren engagiert er sich ehrenamtlich als Vereinspräsident für das Schulprojekt «ABQ».

Der 25-jährige kümmert sich unter anderem um die Werbung, Vernetzung und besucht mehrmals jährlich Berner Schulen, um den Dialog über sexuelle Orientierung zu fördern und somit Vorurteile aufzulösen.

Schulprojekt «ABQ»

Der gemeinnützige Verein ABQ wurde vor über 20 Jahren in Bern gegründet. Der Name setzt sich aus dem Wortspiel von ABC und Queer zusammen. Queer ist ein Synonym für alle nicht heterosexuellen Orientierungen und trans- und intergeschlechtliche Menschen. 24 Aktivmitglieder, die sich selbst zur LGBTQ*-Community zählen, besuchen auf Anfrage von Lehrpersonen jährlich rund 40 Schulen in den Kantonen Bern, Freiburg, Jura, Solothurn und Wallis. Dies soll persönliche Begegnungen ermöglichen und jungen Menschen die Gelegenheit bieten, sich eine eigene Meinung zum Thema gleichgeschlechtliche Liebe und Geschlechtsidentität zu bilden.

*LGBTQ ist eine Abkürzung der englischen Begriffe Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Queer.

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